Das gewagte Abenteuer der Tugend: Vor fünfzig Jahren starb Heimito von Doderer

Menasse Doderer

Den folgenden Satz sollten sich viele unserer heutigen Autoren zu eigen machen: „Wisse, Autor, daß für den wahren Leser in keinem Falle das Allerbeste auch nur gut genug ist.“ Er stammt vom österreichischen Schriftsteller Heimito von Doderer, der vor 50 Jahren, am 23. Dezember 1966, berühmt und verehrt, in Wien gestorben ist.

Geboren wurde Heimito Ritter von Doderer am 5. September 1896 in Hadersdorf-Weidlingau (bei Wien) in eine Familie deutsch-österreichischer Herkunft.  Einer seiner Vorfahren war der berühmte Nikolaus Lenau, eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau. Als Schriftsteller hat sich Doderer wie kaum ein anderer um den Roman bemüht – und damit um den Leser. Den totalen Roman hat er gefordert, und dies vor allem von sich selbst. Großartige, einzigartige Theorien hat er aufgestellt, durchdacht und umgesetzt.

Allerdings ist Doderer weniger wegen seiner Romantheorien (u.a. von der Priorität der Form vor den Inhalten) berühmt geworden als vielmehr durch sein umfangreiches Werk, das ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller machen sollte – und gar in die Nähe des Nobelpreises gebracht hat. Sein Werdegang dagegen ist relativ unspektakulär: Abitur 1914, Leutnant im Ersten Weltkrieg, russische Gefangenschaft,  Holzfäller in Sibirien. Nach seiner Rückkehr nach Wien Studium der Geschichte und Promotion. Die Begegnung mit Albert Paris Gütersloh 1924 bringt ihn zum Schreiben. Heimito von Doderer empfand dies als seine „eigentliche Menschwerdung“.

Und so erschienen die ersten Bücher: ein Gedichtband Gassen und Landschaft, der Roman Die Bresche, der Essay Der Fall Gütersloh, eine Art Tagebuch Das Geheimnis des Reichs, der Roman Ein Mord den jeder begeht – ein kleines Meisterwerk, das formal schon auf die späteren großen Romane hindeutete.

Dann die Mitgliedschaft in der NSDAP. Am 1. April 1933 trat Doderer dieser Partei bei, eine Voraussetzung, Mitglied in der Reichsschrifttumskammer zu werden und publizieren zu dürfen. Reiner Opportunismus also oder doch Sympathie für die Nazis? Mit Sicherheit gab es kurzzeitig eine geistige Nähe zum Nationalsozialismus. Aber bald kam die Ernüchterung. Immer größer wurde der Abstand zur braunen Ideologie; von ihm später als „barbarischer Irrtum“ kommentiert. 1939 konvertierte der protestantisch getaufte, dann aus dieser Religionsgemeinschaft ausgetretene Doderer zum Katholizismus. Im gleichen Jahr wurde Doderer, der sich mittlerweile als „freier Schriftsteller“ etabliert hatte, eingezogen. Er erlebte den Krieg an mehreren Frontabschnitten, schrieb fleißig Tagebücher – später veröffentlicht unter dem Titel Tangenten 1940-1950 , die heute noch zum besten dieses Genres gehören.

Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Wien absolvierte Doderer ein Studium am Institut für österreichische Geschichtsforschung. Parallel dazu entstand der Roman Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre, der 1951 erscheint und seinen Autor mit einem Schlag in der literarischen Welt etablierte. Die fast revolutionär anmutende Konstruktion dieses Werks, in dem „der genius loci… die lokale Gottheit einer Wiener Öffentlichkeit… der eigentliche Hauptakteur in diesem Buche“ ist, wurde allgemein bewundert. Die Vielzahl von Personen, ihre unterschiedlichsten, teilweise entlegenen Lebensgeschichten, die wiederum sehr miteinander verzahnt sind, werden um die „lokale Gottheit“ Wien herum gruppiert. Lebensgeschichten, die immer auch ein Stück Autobiografie des Autors sind.

Noch komplexer, noch meisterlicher ist dies Heimito von Doderer in seinem umfangreichsten Roman Die Dämonen – Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff (ursprünglich Dicke Damen) gelungen. Die mäandernde Erzählweise, die autobiografischen Spiegelungen sind eine aufregende Chronik der Gegenwart – der Gegenwart im Wien der zwanziger Jahre mit dem zentralen Ereignis des Brands des Justizpalastes 1927, einer Zeit des Umbruchs einer Gesellschaft am Rande einer Weltkatastrophe. Gleichzeitig ist dieser Roman einer der bedeutendsten Großstadtromane des 20. Jahrhunderts. Doderer trieb – in diesem wie in allen seinen Romanen – die Kunstform an ihre Grenzen, in dem er das Ganze in ein Geflecht aus Assoziationen, Episoden, Reflexionen und Kommentaren auflöste – und dies in großer sprachlicher Prägnanz und Dichte. Von einem „Gebirgsmassiv“ war nach dem Erscheinen des Romans die Rede; von einem literarischen Ereignis, das den Vergleich mit den Spitzenwerken der Weltliteratur nicht scheuen muss. Dante und Balzac, Dostojewski und Tolstoi und Dickens müssen als Vergleiche herangezogen werden, um Doderers Kunst gerecht zu werden.

1962 erschienen dann Die Merowinger, und parallel dazu der Roman Nr. 7 – ein auf vier Bände angelegtes Romangebäude, vergleichbar einer großartigen Symphonie, von dem nur die beiden ersten „Sätze“: Die Wasserfälle von Slunj und Der Grenzwald erschienen sind. Der Roman Nr. 7 ist ein phänomenales, auch in seiner Unvollständigkeit einzigartiges Werk, in dem „fast nichts geschehen“ ist. „Das Wasser der Zeit stand klar, Schicht für Schicht, Jahrzehnt über Jahrzehnt, und beinahe hätte man vermuten können, daß man bis auf den Grund hinunter zu sehen vermöge“.

Der Schriftsteller ist vom Privatmann Doderer nicht zu trennen. Seine Ehen, seine sexuellen Obsessionen, seine Liebhabereien und Eitelkeiten – sie sind alle in seinem Werk beschrieben. Er selbst bezeichnete seine Texte als „fatologisch“, was etwas mit Fatum, mit Schicksal zu tun hat. Einmal wurde Heimito von Doderer als der „Perverseste, Katholischste, Faschistischste, Frömmste, Gemeinste und Größte im Wachsfigurenkabinett der österreichischen Literatur bezeichnet. Er selbst sah sich ironisierend anders: Er habe das „weitaus gewagtere Abenteuer der Tugend gewählt.“

Längst ist Heimito von Doderer, dem Eva Menasse kürzlich eine wunderbare kleine Biografie gewidmet hat, nur noch zu einer Randfigur auf der literarischen Landkarte geworden. Dabei ist er ein „Kontinent“, wie es Klaus Nüchtern in seinem Buch benannt hat, den zu durchqueren, zu lesen oder wieder zu lesen es allemal lohnenswert ist. Dazu gibt es Gelegenheit anhand der vom Beck Verlag herausgegebenen, sehr schönen Sonderausgaben von Doderers Werken.

© Günter Nawe

Eva Menasse, Heimito von Doderer. Leben in Bildern. Deutscher Kunstverlag, 88 S., 22,- €

Klaus Nüchtern, Kontinent Doderer. Eine Durchquerung. Verlag C. H. Beck, 352 S., 28,- €