„Dem Rest, dem pfeife ich“: Julian Maclaren-Ross‘ Roman „Von Liebe und Hunger“ – Kult und große Literatur

Maclaren Liebe

Zu Beginn eines Buches, das als echte (Wieder-) Entdeckung gefeiert werden kann, ja: muss, steht ein Zitat von Shakespeare: „Dem Rest, dem pfeife ich“. Das gilt auch für Richard Fanshawe, seines Zeichens Versager in allen Lebenslagen, verhinderter Schriftsteller und vor allem erfolgloser Staubsaugervertreter. Auch in der Liebe läuft es nicht so recht. Und der Rest? „Dem pfeife ich“.

Autor dieses in höchstem Maße zu preisenden Romans Von Liebe und Hunger (1947) ist der Brite Julian Maclaren-Ross, 1912 in London geboren und 1964 gestorben. Sein Roman – der einzige, den er in seinem unsteten Leben geschrieben hat – ist ein Zeitporträt, eine Liebesgeschichte und eine veritable Schurkengeschichte. Und Von Liebe und Hunger ist literarische Kraftmeierei auf sehr hohem Niveau.

Die Geschichte spielt 1939 in einem tristen englischen Seebad, zur Zeit, als Hitler – „der Bastard will’s wissen“ – in Polen einmarschiert. Das allerdings ist Fanshawes geringstes Problem. Schließlich muss er, um seinen ohnehin bescheidenen Lebensstandard zu retten, unter anderem Hausfrauen Staubsauger andrehen. Doch das Leben eines von Tür zu Tür ziehenden Staubsaugervertreters erweist sich als wenig erfolgreich. Das hat in diesem Fall und überhaupt auch etwas mit der sozialen Situation und den wirtschaftlichen Bedingungen in der englischen Provinz in Zeiten eines aufkommenden Krieges zu tun. Die Zeiten sind einfach schlecht.

Auch als Reporter ist Fanshawe gescheitert, ebenso ist es seine Verlobung. Was bleibt sind Bartresen und Bordell, Schulden und Alkohol. Zuwendungen seines Onkels sind längst Geschichte. Seine Nächte verbringt Fanshawe in windigen Absteigen, in denen er sich ab und zu als Schriftsteller versucht. Hunger inklusive.

Wenn dieser Protagonist nicht eine literarische Figur wäre, könnte man meinen, Julian Maclaren-Ross vor sich zu haben. Dank seiner Extravaganz gehörte der Schriftsteller zu den auffälligsten Erscheinungen in den Pubs von Soho. Auch er lebte in anrüchigen Pensionen, immer auf der Flucht vor Gläubigern und der Jagd nach dem schnellen Geld. Richard Fanshawe trägt zumindest – wie Paul Willets im Nachwort zu diesem Roman schreibt – „deutlich Züge des jungen Maclaren-Ross“. Das belegt auch die Ich-Form, in der Maclaren-Ross, Dandy mit dem Image eines „Schurken aus amerikanischen Gangsterfilmen“ und ehemals selbst Staubsaugervertreter, erzählt. Und das manchmal im Stile eines Hemingway und eines Chandler.

Und doch hat er seinen eigenen Stil und wird mit Kollegen wie Greene, Powell und Waugh in einem Atemzug genannt. D. J. Taylor zählte ihn „zu den großen, unbesungenen Helden der 1940er“, und für John Betjeman war er „einer unserer größten Schriftsteller“.

So erzählt er also, lakonisch, nie larmoyant, immer witzig von Leben und Lieben des Richard Fanshawe. Ja, er erzählt von der Liebe, von den ganz großen Liebe. Hat ihn nicht sein bester Freund, auf dem Wege, sein Vaterland zu verteidigen, gebeten, sich in der Zwischenzeit um seine Frau Sukie zu kümmern? Und es kam, was kommen musste: ein amour fou. Sollte sich nun sein Schicksal hin zum Besseren wenden? Sukie liebt Richard und ist bemüht, ihn in seinen literarischen Bemühungen zu unterstützen. Aber irgendwann war es dann doch vorbei mit der Liebe. Geblieben ist der „Hunger“.

Für den deutschen Leser von heute ist Von Liebe und Hunger ein interessantes literarisches Zeitdokument und überraschendes, ein wunderbares Lektüreerlebnis; eine Entdeckung, die einfach nur Freude macht in trüben Sommertagen.

© Günter Nawe

Julian Maclaren-Ross, Von Liebe und Hunger. Arco Verlag, 240 S., 24,- €