Wunderliches und Sonderbares: Der spannende Reisebericht des Aleppiners Hanna Diyāb

Diyab Aleppo

Sensibilisiert durch das furchtbare Geschehen in Syrien, durch die Zerstörung von Aleppo, ist uns ein Buch aufgefallen, das den Titel Von Aleppo nach Paris trägt. Damit allerdings erschöpft sich auch schon die Gemeinsamkeit zwischen der syrischen Stadt von heute und diesem Buch. Fast! Denn der Autor Hanna Diyāb stammt aus Aleppo. Und blieb dieser Stadt, für die er ob ihrer Schönheit geschwärmt hat und die immer mal wieder in seinem Reisebericht benannt und erwähnt wird, lebenslang verbunden. So also animiert und neugierig gemacht wollen wir dieses außergewöhnliche Buch „aus gegebenem Anlass“ den Lesern vorstellen.

Gehen wir also mit dem Autor zwischen 1707 und 1709 auf die aufregende Reise von Aleppo nach Paris – und am Ende auch wieder zurück nach Aleppo. Vorab aber ein Wort zu Hanna Diyāb, dem Autor dieses Reiseberichtes. Diesem wunderbaren Erzähler hat die Weltliteratur nicht nur diesen Bericht Von Aleppo nach Paris zu verdanken. Ihm gebührt auch der Ruhm, die Geschichten von Ali Baba und die vierzig Räuber und Aladin und die Wunderlampe für die Nachwelt gerettet zu haben.

Hanna Diyāb wurde um 1690 herum in Aleppo, damals einer bedeutenden, einer multikulturellen Stadt geboren, Er war als Christ Mitglied einer maronitischen Gemeinde. Er sprach nicht nur seine Muttersprache, sondern auch Italienisch, Französisch und Provenzalisch. Das wiederum befähigte ihn – nach vielen Versuchen in anderen Tätigkeiten, unter anderem als Klosterbruder – zu dem Job, der schließlich der Anlass für den vorliegenden großartigen Reisebericht werden sollte.

Ab und an ermahnt sich der Autor „Kehren wir zu unserem Gegenstand zurück.“

Das soll jetzt auch für diese Buchvorstellung gelten. Also: Der Zwanzigjährige trifft auf den französischen Reisenden Paul Lucas, den er fortan respektvoll „Chawādscha“ nennen wird. Lucas, im Auftrag von Ludwig XIV. unterwegs, engagiert den polyglotten jungen Mann, der ihn auf dem Weg nach Paris begleiten soll. Die Reise führt über Syrien nach Zypern, nach Alexandria und Kairo, von dort nach Libyen und Tunis. Sie reisen weiter nach Livorno und Genua und von dort nach Marseille und durch das Rhônetal nach Paris. Selbst für heutige Verhältnisse eine Mammutroute. Eine Reise voller Gefahren, voller nützlicher und abenteuerlicher Eindrücke; Wüsten-Mücken entstellen das Gesicht von Hanna bis zur Unkenntlichkeit, in der libyschen Wüste verhungert das seltsame Paar beinahe. Und überall, wo sie sind, treiben Lucas und sein Reisebegleiter schwunghaften und nicht immer legalen Handel mit Christen und Muslimen; sie kaufen im Auftrag des französischen Königs Edelsteine, lassen sich exotische Tiere schenken, die später die Damen am Pariser Hofe erschauern lassen werden. Sie betätigen sich als Kunsträuber und „erwerben“ Mumien. Unterwegs lauern Gefahren zu Wasser und zu Lande. Und es gibt eindrucksvolle Begegnungen mit Konsuln, Besuche in Serails von Beys und Gouverneuren. Kurzum: Ihnen begegnet Wunderbares und Sonderbares in einer Welt zwischen Orient und Okzident.

„Alles, was ich berichte, ist wahrheitsgemäß, ohne Hinzufügung noch Auslassung, wie es sich gehört. Ich fasse mich kurz, damit der Leser nicht den Eindruck bekommt, ich fabuliere“. Wir wollen es ihm gern glauben, wenn wir spannenden Passagen und nahezu unglaubhafte Episoden über eigene und fremde Missgeschicke und Erfolge lesen; über ehrwürdige Personen und geniale Gauner. Dies alles weiß Hanna Diyāb lebendig und sehr authentisch zu schildern – in einer Form selbstreflektierenden Erzählens. So ist dieser Reisebericht mehr als das: er ist große Literatur.

Diyāb erzählt lebendig und frisch, als säße man ihm direkt gegenüber. Er spricht den Leser zwischendurch auch schon mal persönlich an. Dabei ist dieser Bericht über 60 Jahre nach der Reise entstanden. Bewundernswert also sein Erinnerungsvermögen – sieht man einmal davon ab, dass dieser Lebenskünstler ein Orientale ist, was sicher manchmal seine Fantasie beflügelt hat.

Dieser Reisebericht wurde übrigens erst vor Kurzem in der Vatikanischen Bibliothek entdeckt und liegt jetzt erstmals in deutscher Sprache vor. Darüber und weiteres geben ein Vorwort von Gennaro Ghirardelli und ein Nachwort von Bernhard Heyberger umfassend Auskunft.

Zurück zur Reise: Vor allem Paris fasziniert den jungen Mann. Er sieht Versailles, „wo der Serail des Sultans von Frankreich lag“, er wird bei Hofe empfangen, lernt Kardinäle kennen, die Damen des Hofes bewundern; er erwirbt sich Achtung und Respekt. Nicht nur dadurch, dass er zum Erstaunen aller bei einer Prozession zu Fronleichnam auf einem Baldachin eine arabische Inschrift entdeckt mit dem Text Lā ilā illā Allāh. Und Hanna wundert sich über mehr - die vielen Häuser, über Nachttöpfe, über eine Hinrichtung: „Man löste den Mann vom Kreuz und legte ihn auf ein Wagenrad. Dort presste man ihn zusammen. Er wurde zu einer Fleischkugel zusammengedrückt.“

Irgendwann ist die Reise zu Ende. Ein vorübergehendes Zerwürfnis mit seinem „Chawādscha“ veranlasst ihn, sich allein auf den Rückweg nach Aleppo zu machen; ein Rückweg, der über Istanbul nach Hause führen wird und der ähnlich abenteuerlich verläuft. Da allerdings nun ohne Sponsor, sorgt Hanna auf seine Weise für Auskommen und Ankommen. Er gibt sich mehr oder weniger erfolgreich als Arzt und Wunderheiler aus, gerät dadurch in mancherlei Gefahr, schafft es aber am Ende, wohlbehalten in Aleppo und seiner Familie anzukommen. Und wir, seine begeisterten Leser, 300 Jahre später, mit ihm.

„Das also ist das Ende unseres Berichts und unserer Reise. Wir bitten Gott um Verzeihung für alles, was wir hätten anfügen und auslassen können. Geschlossen den dritten Tag des Monats März im Jahre 1764 christlicher Zeitrechnung“.

© Günter Nawe

Hanna Diyāb, Von Aleppo nach Paris. Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. Die Andere Bibliothek, 489 S., 42,- €