die liebe ist mein glaube meine religion: Stefan Weidner hat Ibn Arabi übersetzt

In einem seiner schönsten Bücher, Fes. Sieben Umkreisungen, erzählt Stefan Weidner mehrfach von einer „Begegnung“ mit Muhjiddin Ibn Arabi, diesem bedeutenden, wenn nicht gar bedeutendsten mystischen Schriftsteller des arabischen, des islamischen Mittelalters und „einem der größten Schriftsteller der Weltgeschichte“. Von ihm, dem Autor des umfangreichen Werks Messianische Erleuchtungen und letztlich auch der Gedichtsammlung Der Übersetzer der Sehnsüchte sprechen Weidner und die gesamte literarische Welt mit größter Hochachtung.

Der Kölner Islamwissenschaftler, Germanist und Philosoph ist bereits bekannt für seine glanzvollen Übersetzungen arabischer Poesie. Jetzt hat er – erstmals in vollständiger Fassung – die Übersetzung der Gedichte Ibn Arabis Der Übersetzer der Sehnsüchte, einer Vers-Sammlung aus dem 12. Jahrhundert, vorgelegt. Es sind Liebesgedichte aus dem arabischen Mittelalter, die es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Zwei Bespiele: die lächelnd lachen uns begeistern / und schmackhaft sind wo wir sie küssen // die ausgezogen weich und glatt / und deren brüste voll und rund / uns kostbarkeiten schenken… heißt es in Gedicht 29; und in 30, einer Art von Langgedicht, denn ist mir egal ob leidenschaft nach osten oder westen zieht / es ist nur wichtig dass sie ist.

Und wie wunderbar klingt es:

sehnsucht ist mein steigbügel / traurigkeit mein kleid / leidenschaft mein morgentrunk / und abends trink ich tränen.

Mit dieser traumhaft schönen, nahezu modernen Übersetzung öffnet uns Stefan Weidner eine Tür zum Verständnis der Kultur des Islams, die sich in den Werken des Ibn Arabi, vor allem auf schönste Weise in Der Übersetzer der Sehnsüchte zeigt. Es sind Zartheit, ja Zärtlichkeit, Leidenschaft und eine wundersame Poesie, die in diesen Gedichten zum Ausdruck kommen. Und am Ende ist es gar ein großartiges Vermächtnis, in dem Ibn Arabi Religion und Liebe gleichsetzt: ich bekenne die religion der liebe gleich / wohin ihre karawane mich führt die liebe / ist mein glaube meine religion. Dem Dichter wird nachgesagt, es gäbe keine größere Liebeslyrik als die Verse in Der Übersetzer der Sehnsüchte.

Ibn Arabi (arabisch: Muhyȋ al-Dȋn Abȗ ’Abdallâh Muhammad bin ’Alȋ bin Muhammad al-Hâtimȋ al-Tâ’ȋ), der auch als Anwalt religiöser Toleranz gilt, wurde 1165 im spanischen Murcia geboren. Er war Gelehrter, Mystiker („größter Meister“ des Sufismus) und Schriftsteller. Er reiste viel, lebte unter anderem zwei Jahre in Fes, ging nach Kairo, Mekka und Bagdad. Überall war er wegen seiner Weisheit und Spiritualität sehr gefragt und beliebt. 1223 ließ sich Ibn Arabi in Damaskus nieder, wo er 1240 starb.

Irgendwann hat Stefan Weidner, für seine Übersetzer-Arbeit bereits preisgekrönt, einmal gesagt: „Lyrik aus dem Arabischen zu übersetzen, erscheint, je öfter man es versucht, desto häufiger als ein Ding der Unmöglichkeit“. Er hat, nicht nur bei den Versen des Ibn Arabi, das Unmögliche jedoch möglich gemacht und uns, die Leser, mit der Übersetzung Der Übersetzer der Sehnsüchte im wahrsten Sinne beschenkt.

Darüber und über mehr wird Stefan Weidner bei einer Veranstaltung (Veranstaltungspartner: NRW Kultursekretariate in Verbindung mit den Literaturfreunden der Lengfeld’schen Buchhandlung) am Dienstag, 24. Mai 2016, 19:30 Uhr, in der Lengfeld’schen Buchhandlung, erzählen: über die Vorstellungswelt und die Lebensumstände mittelalterlicher islamischer Mystiker. Und da Ibn Arabis Verse häufig auch vertont wurden, wird er in seiner Performance auch musikalische Beispiele bringen. Eine außergewöhnliche Einführung in den Islam, wie man sie wohl noch nicht erlebt hat.

© Günter Nawe

Ibn Arabi, Der Übersetzer der Sehnsüchte. Liebesgedichte aus dem arabischen Mittelalter. Herausgegeben und übersetzt von Stefan Weidner. Verlag Jung und Jung, 180 S., 25,- Euro