Mário de Sá-Carneiro, "Der Wahnsinn …"

Bis in die letzten Winkelzüge der Seele: Die Erzählungen des portugiesischen Dichters Mário de Sá-Carneiro

Sá-Carneiro Wahnsinn

Er war einer der wichtigsten Wegbegleiter des großen Fernando Pessoa und wie dieser ein herausragender Vertreter des portugiesischen Modernismus: Mário de Sá-Carneiro – geboren 1890 und durch eigene Hand in einer psychischen Krise 1916 gestorben. Fernando Pessoa über seinen Freund: „Obwohl ein Genie in der Kunst, kannte Sá-Carneiro weder Freude noch Glück in seinem Leben... Sá-Carneiro starb jung, weil ihn die Götter liebten." Hinterlassen hat uns Sá-Carneiro ein schmales Werk: eine Reihe von Gedichten, den Roman „Lúcios Geständnis", eine Kriminalstory im Übergang zum Phantastischen, und wenige Novellen, die jetzt in einer sehr schönen Ausgabe unter dem Titel „Der Wahnsinn..." bei Matthes & Seitz erschienen sind.

Helmut Siepmann („Kleine Geschichte der portugiesischen Literatur") über den Dichter: „Sá-Carneiros Poesie erstrebt die Aufwertung der Gefühle mit einer überquellenden Bildwelt, in der sich die Dinge auflösen, die sich aber immer wieder auf das Ich des Dichters zurückbeziehen lässt." Dies gilt auch und vor allem für die Novellen. Ihre sehr unterschiedlichen Protagonisten haben eines gemeinsam – sie setzen ihrem Leben ein Ende. Ein berühmter Bildhauer stirbt an der Seite seiner Traumfrau („Wahnsinn"); der in Liebe entbrannte Nachhilfelehrer wirft sich unter ein Auto („João Jacinto. Biografie"); der wohlhabende Vater einer bildschönen verstorbenen Tochter begeht mit einer Unbekannten, die seiner Tochter gleicht, indirekt Inzest („Inzest"). Eros und Thanatos - sie alle waren auf ihre Art „Wahnsinnige" auf der Suche nach dem Glück, das letztlich auch der Tod sein musste. „Wahnsinn? – aber was heißt denn Wahnsinn? ... Nicht zuletzt werden rätselhafte, unverständliche Menschen als Wahnsinnige bezeichnet ... Wie vieles andere ist Wahnsinn im Kern eine Ansichtssache der Mehrheit." Dazu auch Fernando Pessoa in seinem Buch „Genie und Wahnsinn" – „Der Wahnsinn ist eine Kondition, oder ein Zustand, des menschlichen Geistes: Er gehört, wenn auch übertrieben und daher morbid, zu den Charakteristiken des menschlichen Geistes."

Sá-Carneiro verfolgt in seinen meisterhaften Novellen seine Protagonisten bis in die dunkelsten Obsessionen, er legt Schicht für Schicht und bis in die letzten Winkelzüge ihre Seelen frei. Mit scharfem Blick folgt er Raul Vilar, João Jacinto und Luis de Montforte beim Aufstieg und beim förmlichen seelischen Absturz, den Hochgefühlen des Herzen und der tiefen Verstörung der Seele – letztlich also in den Wahnsinn. Verstörung auch für den Leser, der sich mitgenommen fühlt und der am Ende sogar die logische Konsequenz des Suizids zu akzeptieren glaubt.

Selbstmord als einen letzten Weg, den auch Mário de Sá-Carneiro 1916 gegangen ist. Noch einmal Helmut Siepmann: „Die persönliche Krise, die den Jurastudenten in Paris zum Selbstmord führte, bestimmt das poetische Werk des Dichters." Für Sá-Carneiro war der Selbstmörder ein „mutiges Geschöpf", der, wenn das Leben für ihn eine Unmöglichkeit geworden ist, aus ihm flieht. Selbsttötung war nach seiner Meinung eine zulässige Art der Auflehnung. Und: „Auflehnung war schon immer ein Synonym für Kühnheit, für Mut, für Energie". So versetzen die Erzählungen von Sá-Carneiro – wie auch sein Roman „Lúcios Geständnis" - den Leser ins fin de siècle, in eine Zeit der Dekadenz und „in den Strudel eines professionellen Selbstmördertums".

Frank Henseleit, exzellenter Kenner und (u.a.) Übersetzer des Werks von Mário de Sá-Carneiro, hat in seinem höchst lesenswerten kleinen Essay „Das Leben – ein Vorspiel" am Ende dieses Buches über Leben und Tod, über die Motive in seinen Büchern, über die Bezüge zu anderen Autoren und über die Rezeption seines Werks ausführlich berichtet. „Wer etwas erfahren wollte über diesen Menschen „Mário de Sá-Carneiro .., der müsste in seine Bücher schauen. Dort findet man sein Leben, ... Mários Geburt, seine Kindheit, ... seinen Tod, jede Nuance seines dem Tod geweihten Lebens." Also auch in diesen Novellen.

Frank Henseleit wird bei einer Buchvorstellung am 12. April 2016 in der Lengfeld'schen Buchhandlung weitere und tiefere Einblicke in das Werk des Dichters, des intimsten Freundes und Wegbegleiters von Fernando Pessoa, geben. Meike Rötzer, Verlegerin und Schauspielerin, liest aus den Novellen. Ergänzend erscheint ein Privatdruck des Langgedichts Manucure von Mário de Sá-Carneiro.

© Günter Nawe

Mário de Sá-Carneiro, "Der Wahnsinn ... Erzählungen". Matthes & Seitz Berlin, 231 Seiten