Stiller Abend. Dunkelgold: Über das Leben des jiddischen Dichters Itzik Manger

Niemandssprache

Er gehörte zu den vergessenen Dichtern - Itzik Manger, dessen Wiederentdeckung wir erleben dürfen: durch das außergewöhnlich interessante, wichtige und schöne Buch der Malerin, Autorin und Jiddistik-Professorin Efrat Gal-Ed. Ihre Biografie – „der erste Versuch einer kritischen Biografie" – des Dichters Itzik Manger (1901-1969) hat Efrat Gal-Ed jetzt unter dem Titel „Niemandssprache: Itzig Manger – ein europäischer Dichter" veröffentlicht.

Außergewöhnlich ist dieses Buch auf vielerlei Weise. Einmal ist es der Dichter, dem diese Biografie gewidmet ist, zum anderen die typografische „Konstruktion" dieses Buches, die sich an den Talmud anlehnt.

Und natürlich ist das Thema von größtem Interesse. Noch im vorigen Jahrhundert war „Jiddischland" innerhalb Europas ein säkularer Kulturraum, der weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Ein Vertreter dieser Kultur war Itzik Manger. Geboren wurde er in Czernowitz, in der multi-ethnischen Stadt in der Bukowina. Für ihn wie für viele andere auch (Paul Celan, Rose Ausländer u.a.) waren deutsche Kultur und Sprache der Maßstab, an dem er sich und sein Schaffen orientierte. Dennoch entschied er sich, wie Efrat Gal-Ed schreibt, für das Jiddische als seine „Dichtersprache". Für ihn war sie „herrenlos", war „Jiddisch... «Niemandsprache», war sie «Niemandsliteratur» in einer «Niemandswelt»".

In dieser „Niemandswelt" lebte der Itzik Manger. „Der exzentrische Dichter mit seinen originellen Versen, seinen rumänisch-zigeunerischen Weisen, mit seinen Träumen und selbst mit seinen Skandalen erweckt in "Jiddischland", vor allem in Warschau großes Interesse, auch über die literarischen Kreise hinaus.", schreibt Efrat Gal-Ed. Er gehörte der einen und anderen literarischen Gruppe an – und war doch irgendwie isoliert.

Manger reiste: nach Warschau, wo die zweitgrößte jüdische Gemeinschaft der Welt lebte, und wo er seine wohl glücklichste Zeit verlebte, nach Wilna, Krakau und Bukarest, Riga und Berlin und endlich auch nach Paris. Ein unstetes Leben, oft auch ein abenteuerlich-gefährliches Leben in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Und weiter - nach England, nach New York und schließlich nach Israel. In Israel, in Gedera sollte der wohl größte und bedeutendste jiddische Dichter am 20. Februar 1969 sterben.

Als Dichter war Itzik Manger unverwechselbar. In unzähligen Gedichten und Balladen hat er eine Welt beschrieben, die mit dem Holocaust untergegangen ist. Vor allem die Welt des osteuropäischen, des nichtassimilierten Judentums. Auf diese Weise wurde er berühmt – zumindest bis zur Zeit seines Exils. Danach verlor sich seine Stimme, trotz großen Erfolgs in Amerika.

Nicht nur die von Efrat Gal-Ed zitierten Gedichte und Balladen belegen seine literarischen Qualitäten. Ergänzend zu dieser großartigen Biografie empfiehlt sich die Lektüre des ebenfalls von der Biografin herausgegebenen und übertragenen Bandes „Dunkelgold: Gedichte" (jiddisch und deutsch).

Der Sohn eines Schneiders wurde zum jiddischen Troubadour, zum „Prinzen der jiddischen Ballade". Volkspoesie war die Quelle seines Schaffens. Auf diese Weise blieb Manger erdgebunden, blieb er mit seiner Poesie im Hier und Jetzt. Zuhause, als Kind hatte er die Volkslieder gehört. „Was für eine Orgie an Farbe und Klang. Ein verlassenes Erbe, Gold, das als Niemandsgut mit Füßen getreten wurde." Er hat diesen Schatz gehoben. Und so „klingt" es dann bei ihm:

„Stiller Abend. Dunkelgold. / Ich sitz beim Gläschen Wein. / Was ist geworden aus meinen Tagen? / Ein Schatten und ein Schein - / ein Augenblick von Dunkelgold / soll in mein Lied hinein."

Efrat Gal-Ed hat mit diesem Buch nicht nur die Biografie eines jiddischen, eines europäischen Dichters geschrieben; sie hat seine Lebensgeschichte verwoben mit der Literaturgeschichte einer Zeit, in der die jiddisch-säkulare Kultur Osteuropas eine bedeutende Rolle spielte.

Über all dies wird Efrat Gal-Ed bei einer Buchvorstellungen in unserer Lengfeld'schen Buchhandlung erzählen - am Dienstag, 15. März 2016, 19:30 Uhr.

© Günter Nawe

Efrat Gal-Ed, „Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter". Jüdischer Verlag, 784 S., 44,- Euro
Itzik Manger, „Dunkelgold. Gedichte". Jüdischer Verlag, 431 S., 29,95 Euro