Vom sinnreichen Junker Don Quijote von La Mancha: Zum 400. Todestag des Miguel de Cervantes Saavedra

Das Buch, die Biografie und eine Langzeitlesung

Cervantes Don Quijote

Lesen bildet. Und wie. Dies durfte auch der „sinnreiche Junker Don Quijote von La Mancha“ erfahren. Denn die regelmäßige Lektüre von Ritterromanen war der Stoff, aus dem sich sein Verlangen speiste, als ein ebensolcher Ritter auszuziehen, um Abenteuer zu erleben, dem Unrecht die Stirn zu bieten, große Gefahren zu bestehen, die schöne Dulcinea, ein Bauernmädchen, als Gebieterin seines Herzens zu lieben, für sie Leib und Leben einzusetzen und so seinen Ruhm zu begründen. Mit diesem geistigen Rüstzeug und einer Menge Phantasie ausgestattet verwandelt sich der furchtlose Hidalgo in den Helden seiner geliebten Bücher, wurde er zum „Ritter von der traurigen Gestalt“. Dazu ein Zitat von Hanjo Kesting: „Der Ritter von der traurigen Gestalt lebt in einer selbst geschaffenen Welt, die sicher eine Wahnwelt ist, aber eine des liebenswürdigen und hochherzigen Wahns“.

 

Pickelhaube, rostzerfressene Rüstung, ein alter Klepper namens Rosinante – so zieht der wagemutige Ritter von der Mancha ins Abenteuer, standesgemäß begleitet von seinem „Stallmeister“ Sancho Panza. Er – das ganze Gegenteil seines Ritters, klein, dick und praktisch – durchschaut die Narrheiten seines Herrn und bleibt ihm trotzdem oder gerade deswegen ein treuer Begleiter.

 

Miguel de Cervantes wollte mit seinem Roman nicht nur die Ritterromane parodieren (was ihm bestens gelungen ist), sondern auch – wie irgendwo zu lesen ist – vor übermäßiger Lektüre dieses Genres warnen. Raubte ein solches Übermaß doch dem Leser den Verstand. Eine etwas merkwürdige Warnung. Das Gegenteil ist doch sicher der Fall. Und sein Buch „raubt“ mit Sicherheit – gleich wie oft gelesen – keinem seiner Leser den Verstand. Es erheitert, es deckt menschlich-allzumenschliche Schwächen auf, es ist einfach ein Lesevergnügen. Dafür sorgt dieses seltsame Paar, sorgen Don Quijote und Sancho Panza, die auf einzigartige Weise in die Weltliteratur Einzug gehalten halben.

 

Vor 400 Jahren hat der Autor Miguel de Cervantes Saavedra (1547–1616) den „Don Quijote“ geschrieben – ein Buch, dass seitdem seinen Siegeszug durch die Weltliteratur antrat. Hugo Leutenberger: „Von nun an ist der Ritter von der Mancha keine vom Autor ins Lächerliche gezogene Figur mehr, er ist Träger eines Ideals im positiven Sinne, und wenn der Versuch, es zu verwirklichen, ihm Hohn und Spott einträgt, dann liegt es nicht an diesem Ideal, sondern an der Welt und ihrer Niedertracht“.

 

Mit diesem Episoden-Roman „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ hat Cervantes den modernen Roman schlechthin geschaffen. Ein Werk mit „Nachhaltigkeit“. Nicht nur wird bis heute das Buch des spanischen Nationaldichters gelesen; es hat auch alle Genres der Kunst und Literatur befruchtet. Nur einige wenige Beispiele: Thomas Mann hat einen wunderbaren Essay „Meerfahrt mit Don Quijote“; Pablo Picasso die weltberühmte Tuschzeichnung „Don Quichotte“ geschaffen; Richard Strauß verdanken wir die Tondichtung „Don Quixote“, und jüngst ist ein Gedichtband des indonesischen Dichters Goenawan Mohamad „Don Quijote“ erschienen.

 

So ist es nicht verwunderlich, dass dem Autor und dem Roman ein dauerhaftes Interesse zukommt. Und im Jubiläumsjahr ein besonderes. Uwe Neumahr hat mit seiner Biografie „Miguel de Cervantes – ein wildes Leben“ den Autor gefeiert als einen der „fünf Großen der europäischen Literatur“, der „neben Homer, Dante, Shakespeare und Goethe“ bestens bestehen kann. Ein Autor, dem wir „eine der herrlichsten Figuren der Weltliteratur“ zu verdanken haben.

 

Ein wildes Leben – so Neumahr – hat dieser Cervantes zweifellos geführt; reich an Abenteuern, immer wieder Gefahren ausgesetzt. Manches hat schon fast donquijoteske Züge. Er hat sich duelliert, hat die Schlacht von Lepanto mitgeschlagen, ist in Gefangenschaft geraten, er war ständig verschuldet, wurde schon mal des Mordes bezichtigt – die Liste seiner „Taten“ ließe sich fortsetzen und ist bei Neumahr sehr schön, akribisch recherchiert, nachzulesen. Schließlich und endlich wollte Cervantes Schriftsteller werden – und wurde es. Und was für einer! Über dieses „wilde Leben“, das sich selbst wie ein Abenteuerroman liest, berichtet der Biograf Uwe Neumahr in seiner großartigen Biografie.

 

Miguel de Cervantes Saavedra: Sein 400. Todesjahr begeht die literarische Welt. Und es begeht ihn die Lengfeld’sche Buchhandlung mit einer – wie könnte es anders sein –  Langzeitlesung des vollständigen Werkes in 40 Teilen. Lesen wird ein alter Bekannter (siehe Pessoas „Buch der Unruhe“): der Sprecher, Regisseur und Redakteur des Hessischen Rundfunks Helge Heynold. Gelesen wird die hoch gelobte Übersetzung von Susanne Lange, die 2008 erschienen ist.

 

Eine Einführung in das Werk gibt es am 13. Januar 2016 in der Lengfeld’schen – mit Helge Heynold und dem Literaturwissenschaftler Hanjo Kesting. Am 19. Januar 2016 beginnt das das „Abenteuer Don Quijote“ mit der Lesung des 1. Teils.

 

© Günter Nawe