Navid Kermani – Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015

Mittler zwischen Kulturen und Religionen

Navid Kermani

Dieser Mann ist ein Glücksfall für unsere Gesellschaft: Navid Kermani. Geboren 1967 in Siegen als Sohn einer iranischen Arztfamilie, Muslim, habilitierter Orientalist, Religionswissenschaftler, Schriftsteller, ein hochgebildeter, scharfsinniger und sprachmächtiger Intellektueller. Und ein rühriger Vermittler zwischen Kulturen und Religionen, ein unermüdlicher Mittler zwischen Orient und Okzident. Mit vielen Büchern und Vorträgen, mit persönlichem Engagement wirbt er um die Versöhnung des Islam mit dem Christentum und um Verständnis für die islamische Religion.

Dies tut der in Köln lebende Navid Kermani auch immer mit kritischem Blick. So setzt er sich mit den islamischen Fundamentalisten ebenso auseinander wie mit der christlichen Gesellschaft – selten zur Freude beider. Einfache Parolen sind ihm fremd, Kermani setzt auf Widerspruch, auf Differenziertheit – und auf interreligiöse, auf politische und gesellschaftliche Toleranz und durchweg auf Kompetenz: streitbar, immer kritisch, weltoffen.

In dieser Funktion spielt Kermani in der ersten Liga der Intellektuellen dieser Republik. Und genau dafür zeichnet ihn der Deutsche Buchhandel in diesem Jahr mit dem „Friedenspreis“ aus, den keiner mehr verdient hat als dieser Mahner für Frieden und Toleranz, für Menschlichkeit und Freiheit.

Navid Kermani, der Deutsche mit Migrationshintergrund, bekennt sich zu diesem Staat und zum Grundgesetz dieser Bundesrepublik Deutschland. „Danke Deutschland“ formulierte Kermani im vergangenen Jahr im Deutschen Bundestag bei einem Festakt zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Jetzt bedankt sich Deutschland, bedankt sich der deutsche Buchhandel, bedanken sich seine Leser mit diesem Preis bei ihm, der nicht zu Unrecht als „die Stimme Deutschlands“ genannt wird.

Und das gerade in dieser Zeit, in der die Flüchtlingsströme durch Europa ziehen – auf der Flucht vor Bomben und Gesinnungsterror, vor Not und Lebensangst.  Ihnen gehört Navid Kermanis besondere Aufmerksamkeit: Er ist bei den Menschen, die über die Balkanroute zu uns kommen, er hat diese Route abgefahren, um zu berichten und zu mahnen. Seine Reportagen aus den Krisengebieten dieser Welt zeigen zudem, „wie sehr er sich der Würde des einzelnen Menschen und dem Respekt für die verschiedenen Kulturen und Religionen verpflichtet weiß, und wie sehr er sich für einen offene europäische Gesellschaft einsetzt, die Flüchtlingen Schutz bietet und der Menschlichkeit Raum gibt“, so die Jury über den Friedenspreisträger 2015.

Der Mahnungen zur Versöhnung der Menschen untereinander, gleich aus welcher Religion oder Ethnie sie kommen, gelten vor allem seine Bücher. So seine Romane „Große Liebe“ und das monumentale Werk „Dein Name“. Sie sind autobiografisch grundierte Studien zu Herkunft, zu Milieu und zugleich subtile Analyse – mit großem literarischem Anspruch. Das gilt auch für den wunderbaren Band „Album“ mit wenigen, aber eindringlichen Erzählungen. Essayistisch betreibt Navid Kermani in dem Buch „Zwischen Koran und Kafka“ – wie es im Untertitel heißt – „West-östliche Erkundungen“. Er lotet hier auf faszinierende Weise und in literarischer Weltläufigkeit die Beziehungen zwischen Orient und Okzident aus.

Ein Aufruf zur Versöhnung und zur Verständigung vor allem der Religionen, die nur gelingen kann auf der Basis grundlegender Kenntnis, ist auch die großartige Studie „Gott ist schön“, in der Navid Kermani „das ästhetische Erleben des Korans“ schildert; und sozusagen als Gegenstück die einzigartige Arbeit „Ungläubiges Staunen“; sublime, sehr feinsinnige  Bildbetrachtungen zur Ästhetik des Katholizismus. Er tut dies mit großer Ernsthaftigkeit, mit Empathie und Ehrfurcht.

So bekommt den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ein frommer Muslim und ein engagierter Aufklärer, ein Intellektueller von hohen Graden, ein Versöhner und streitbarer Geist – Navid Kermani. Wer, wenn nicht er!

© Günter Nawe