Von der Kunst der Erinnerung: Patrick Modiano zum Siebzigsten

Patrick Modiano

Schon zu Lebzeiten – ein seltener Fall – wurde dem französischen Schriftsteller, dem Literaturnobelpreisträger von 2014, Patrick Modiano in Paris eine Promenade gewidmet, benannt nach einer seiner berühmtesten literarischen Figuren: Dora Bruder. Damit ehrt die Stadt nicht nur einen seiner prominentesten und bedeutendsten Autoren, sondern auch ein kleines jüdisches Mädchen, das Patrick Modiano in seinem wunderbaren, sehr eindringlichen Roman „Dora Bruder" (1998) aus der Vergessenheit in unser aller gegenwärtige Erinnerung geholt hat.

Unsere Erinnerung jedoch gilt jetzt nicht nur diesem Buch, sondern vor allem seinem Autor, der am 30. Juli 2015 sein 70. Lebensjahr vollendet hat. Geboren wurde Patrick Modiano in Boulogne-Billancourt bei Paris. Seine Eltern: Der Vater war ein italienisch-jüdischer Kaufmann, seine Mutter eine flämische Schauspielerin. Die Kindheit verbrachte Modiano in Paris – bis zu seiner Volljährigkeit vorwiegend in Internaten. In „Mein Stammbaum" (2005) hat er diese Zeit auf sehr eindrucksvolle Weise beschrieben. Nach dem Abitur dann lernte Patrick Modiano den Schriftsteller Raymond Queneau kennen, der ihn in die Literatur einführte.

Sie – die Literatur – sollte sein Leben werden. Und sein Leben zu Literatur. Modiano machte sich einen Satz von René Char zu Eigen: „Leben heißt, beharrlich einer Erinnerung nachspüren". Und nichts anderes sollte und wollte Modiano künftig tun. Bereits mit dreiundzwanzig Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman „La Place de l'Etoile" (1968), mit dem er an die deutsche Besatzung Frankreichs erinnerte und an die Zwangskennzeichnung der Juden.

Diese Thematik steht auch im Vordergrund vieler weiterer Bücher, u. a. „Eine Jugend" (1981), „Hochzeitsreise" (1990), „Im Café der verlorenen Jugend" (2007) und 2012 „Gräser der Nacht". Mit all seinen Büchern erweist sich Patrick Modiano als einer der wichtigsten französischen Schriftsteller und als ein Autor von weltliterarischem Rang. Seine Prosa ist von subtiler Schönheit – und vor allem von höchster Genauigkeit. Elisabeth Edl, kongeniale Übersetzerin der Werke von Patrick Modiano, sagte einmal, dass Modianos Texte auf der einen Seite der gesprochenen Sprache ähnelten und „zugleich aber sehr poetisch" seien.

Immer wieder befasst der Schriftsteller sich mit der Erinnerung, mit dem Vergessen, mit Schuld und Identität – und dies meist im Kontext seiner Biografie und des Zeitgeschehens. Nicht zuletzt dafür hat Patrick Modiano 2014 den Literatur-Nobelpreis erhalten: „Für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der (deutschen) Besatzung sichtbar gemacht hat." So steht es in der Nobelpreis-Urkunde.

Und Modiano: Er sieht sich als ein Vertreter einer bestimmten Epoche, der er sich erinnernd verpflichtet fühlt. „1945 geboren zu sein, nachdem Städte zerstört und ganze Bevölkerungen verschwunden waren, muss mich, wie andere meines Alters, sensibler für die Themen Erinnerung und Vergessen gemacht haben."

Diese Sensibilität, seine Kunst des Erinnerns bezieht sich aber auch auf ihn selbst - und findet sich im neuesten, wiederum teilweise autobiografischen Roman wieder, „Damit du dich im Viertel nicht verirrst" ist ein Buch über das Vergessen und über das Erinnern. Auslöser ist ein verlorengegangenes und wiedergefundenes Adressbuch. Daragane, hinter dem sich Modiano selbst verbirgt, erinnert sich dadurch und in einem schmerzhaften Prozess an das Kind, das er war, an einzelne Personen und an ein bestimmtes Viertel in Paris, in dem er als Siebenjähriger gelebt hat. Minutiös erforscht er die Topografie von Paris, das Viertel und die Straßen, in denen er seine grausame Vergangenheit gelebt hat.

Vor allem aber erinnert er sich an Annie Astrand, eine „akrobatische Tänzerin", die einst für ihn die wichtigste Bezugsperson war, die sich seiner angenommen und ihm irgendwann einen Zettel in die Hand gedrückt hat mit dem Hinweis „Damit du dich im Viertel nicht verirrst". Es war eine quälende Aufarbeitung seiner - eigentlich längst verschütteten - Kindheitstraumata. So „stand er plötzlich gewissen Einzelheiten seines Lebens gegenüber, abgebildet freilich in einem Zerrspiegel, unzusammenhängende Einzelheiten, wie sie einen in Fiebernächten verfolgen".

„Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in die Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich's eingestehen, das war er." – Er, Patrick Modiano, war dieses Kind und ist heute der große Autor, der auch am Beginn seines 8. Lebensjahrzehnts immer noch und immer wieder in großartigen und faszinierenden Büchern auf seine Lebens- und Schaffenszeit zurückblickt.

© Günter Nawe

Patrick Modiano: „Damit du dich im Viertel nicht verirrst". Carl Hanser Verlag, 160 Seiten, 18,90 €

"Ich gehe immer von der Gegenwart aus": Zum Tode von Dieter Kühn

Dieter Kühn

Sein letztes Buch, eines von den unendlich vielen Büchern, die Dieter Kühn geschrieben hat, war „Das magische Auge". Sein Lebensbuch sollte es sein, eine Autobiographie der besonderen Art: Ein Konglomerat von Erinnerungen, Reflexionen und Assoziationen. Ein Werk, das uns einen außergewöhnlichen Schriftsteller zeigt. Eindringlich und unvergesslich das Kapitel über das Sterben der Mutter des Autors. Hat er mit diesem Text auch schon sein eigenes Sterben vorweggenommen? Wir wissen es nicht. Jetzt ist Dieter Kühn ihr nachgefolgt. Er starb am 25. Juli 2015 in Brühl. „Das magische Auge" sollte sein literarisches Vermächtnis sein.

Dieter Kühn wurde 1935 in Köln geboren. Sein Vater war Bankkaufmann, seine Mutter stammte aus einer Familie mit jüdischen Wurzeln. Die Schule besuchte er in Herrsching am Ammersee und das Gymnasium in München. 1949 zog er mit seiner Familie nach Düren, wo er 1955 das Abitur machte. Es folgte das Studium der Germanistik und Anglistik in Freiburg im Breisgau, in München und in Bonn. Später war er in den USA Assistent am Haverford College. Promoviert wurde er 1964 mit einer Arbeit über Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften".

Da war er bereits auf dem besten Wege, ein berühmter, ein großer Schriftsteller zu werden. Sein besonderes Interesse galt dem Mittelalter. „Ich Wolkenstein", „Herr Neidhart", die herrlichen Übersetzungen von Gottfried von Straßburgs „Tristan und Isolde" und von Wolfram von Eschenbachs „Parzival" – sie begeisterten die Kritiker und sein Publikum. Seine Biografien, Erzählungen, Romane und Hörspiele, vor allem aber die wunderbaren Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen haben ihm viele Preise eingebracht. Mit Heinrich Böll verband ihn zudem eine sehr große Freundschaft.

Mit einer anderen Art der Geschichtsschreibung und einer neuen Form autobiografischen Schreibens machte Dieter Kühn seine Leser bekannt. Eine große Merian-Biografie gehört dazu sowie Biografien über Clara Schumann und Gertrud Kolmar. "Schillers Schreibtisch in Buchenwald" ist eine deutsche Geschichte, in der er mit seinem Protagonisten „den Schlamm der Geschichte" durchwatet. Seine spannende Erzählung vom Geheimagenten Marlowe ist dagegen ein furioses Spiel zwischen Fakten und Fiktion und ein herrliches Lesevergnügen. Ganz anders und nicht weniger spannend die biografische Skizze „Goethe zieht in den Krieg". Hier hat der Autor sich seinem Kollegen von früher mit Distanz und ein wenig Ironie genähert, ihn zum Gegenstand seiner literarischen Neugier gemacht, um dem Olympier am Ende respektvolle Bewunderung zu zollen.

Ein Satz, der das Schreiben von Dieter Kühns vor allem biografischen Arbeiten kennzeichnet: „Ich versuche bei einer Biografie immer eine Form zu entwickeln, die der Person und der Zeit entspricht. Ich gehe immer von der Gegenwart aus, gehe in die Vergangenheit und kehre zur Gegenwart zurück". Das ist es, was seine Bücher so interessant und einzigartig gemacht hat.

Das ist auch festzumachen gewesen bei Anlässen, bei denen Dieter Kühn seine Bücher – und es waren fast alle – hier in der Lengfeld'schen Buchhandlung vorgestellt hat. Es waren immer große Momente literarischer Präsentation, die unvergessen bleiben werden. Und nicht nur hier. Ein Platz in der deutschen Literaturgeschichte wird ihm ebenfalls sicher sein.

Dieter Kühn in seinem „Lebensbuch": „Heimisch fühle ich mich in diesem Weltraum nicht, eher: wie ausgesetzt. Meine zwei Quadratmeter Haut; ja, noch immer; die Pfirsichhaut der Atmosphäre (mit Ozonlöchern): ja, noch immer, doch weiter draußen, rundherum: Todeskälte." Am 25. Juli 2015 ist Dieter Kühn gestorben.

© Günter Nawe