Die „Göttliche Komödie“ - Von der Hölle ins Paradies

Vor 750 Jahren wurde Dante Alighieri geboren

Dante Paradies

Die literarische Welt feiert in diesen Tagen den 750. Geburtstag eines ihrer bedeutendsten Dichter: Dante Alighieri, Verfasser des wohl berühmtesten Werks der Weltliteratur: „Die Göttliche Komödie“.

Geboren wurde Dante Alighieri im Mai (?) 1265 in Florenz, gestorben ist er am 14. September 1321 in Ravenna. Er war Dichter und Philosoph, gilt als Begründer des Italienischen als Literatursprache und, und, und … - alles durchweg Superlative, die diesen außergewöhnlichen Autor in den literarischen Olymp gehoben haben.

Und der ist in der Tat ein angemessener Aufenthalt für ihn. Dabei ist er so gegenwärtig wie kaum ein anderer. Mit der „Göttlichen Komödie“ hat er ein unvergleichliches Meisterwerk geschaffen, an dem sich Literaturwissenschaftler, zahllose Übersetzer und nicht zuletzt Leser abarbeiten; an diesem Weltgesang voller kosmologischer, theologischer, politischer, historischer und vor allem menschlicher Aspekte – mindestens vergleichbar dem Alten Testament, der Ilias, der Aeneis.

An ihn, den göttlichen Dante, ist also zu erinnern. Und in diesem Zusammenhang an den Übersetzer und renommierten Danteforscher Hartmut Köhler, der 2010, 2011 und 2012 die drei Bände seiner außergewöhnlichen Übersetzung in der Lengfeld’schen Buchhandlung vor einem durchweg begeisterten Publikum präsentiert hatte. Er hat diesem Weltgedicht  durch seine wunderbar flüssige Übertragung dem Leser eine neue Verständnismöglichkeit eröffnet. Nicht zuletzt auch dank einer brillanten Kommentierung.

Bisher wurde die „Divina Commedia“ sozusagen auf Knien übersetzt und übertragen. Viele versuchten, nach Danteschem Vorbild in Terzinen zu übersetzen, versuchten teilweise mit Gewalt den Reim zu finden. Ehrenwerte Versuche durchweg etwa von Schlegel und Gildemeister, von Stefan George oder Rudolf Borchardt. Kurt Flaschs hervorragender Dante sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt.

Wir aber erinnern uns besonders gern an die Stunden in der Buchhandlung, in denen uns Hartmut Köhler anhand seiner Übertragung seinen „Dante“ nahegebracht hat. Mit ihm ging es eindrucksvoll durch das Dantesche „Inferno“, durch den höllischen Ort, an dessen Eingang man bekanntlich alle Hoffnung fahren lassen musste. Hier die Köhlersche Übersetzung des Danteschen „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate“:

„Durch mich geht’s ein zur Stadt des Jammers. Durch mich geht’s ein zur endlosen Qual. Durch mich geht’s ein zu den verlorenen Menschen. Gerechtigkeit bewegte meinen hohen Schöpfer; mich schuf die göttliche Macht, die höchste Weisheit und die erste Liebe: Vor mir wurde nur Ewiges geschaffen, und auch ich werde ohne Ende sein. Lasst alle Hoffnung fahren, wenn ihr hier hereinkommt.“

Damit beginnt eine spannende Reise ins Jenseits – durch die „Hölle“, durch das „Fegefeuer“, also den „Läuterungsberg“, und letztlich ins „Paradies“. Ein steiniger Weg. In der „Hölle“ wird von Sündern jeglicher Art und Provenienz gewimmert und geflucht, gejammert und gebetet. Es wird aber auch deutlich, dass alle Sünder irgendwie einander gleichen – und das über alle Zeiten hinweg, ohne Ansehen von Person und Rang. Und davon hat die Dantesche „Hölle“ viele aufzuweisen: Die Gefräßigen, die „fleischlichen Sünder“ und die Sünder des Geistes, die Maßlosen und die Verschwender und Habgierigen.  

Das galt und gilt nicht für alle. „Um bessere Wasser zu befahren, setzt in meinem Geist das Schiffchen nun die Segel und lässt so die grausame See hinter sich….“. Die weniger Sündigen finden Gnade und ihren Platz erst einmal auf dem „Läuterungsberg“, im „Fegefeuer“. Und wieder führt Vergil den Leser über 33 Gesänge und über viele Stufen zu diesem Berg, auf dem die sieben Sünden Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Habsucht, Fressgier und Triebhaftigkeit abgebüßt werden müssen.

Am Ende steht der Eingang zum „Paradies“, wo „die Herrlichkeit dessen, der alles bewegt“, der das Weltall durchdringt und „in einem Teil  mehr, anderswo weniger „erstrahlt“. „Im Himmel, der das meiste Licht von ihr empfängt, war ich, und Dinge sah ich, die kann keiner wiedergeben, der je von dort oben zurückkehrt“. Jetzt wurde Dante nur noch von Beatrice (dieses Buch ist auch eine wunderbare Liebesgeschichte) begleitet. Mit ihr schwebt er empor,  bis er im neunten Himmel, dem Kristallhimmel, das Licht Gottes erblicken wird.

Soviel „aus gegebenem Anlass“ zu Dantes „Commedia“ und zur Köhlerschen Übersetzung. Die Ironie des Schicksals: Hartmut Köhler starb plötzlich und unerwartet wenige Tage nach der Lesung aus dem „Paradiso“  am 9. Dezember  2012.

Vor 750 Jahren wurde Dante Alighieri geboren, Anlass genug, sich einmal mehr mit seinem Weltgedicht „Die Göttliche Komödie“ zu beschäftigen, sie zu lesen – in der Übertragung von Hartmut Köhler.

© Günter Nawe

Dante Alighiere, "Die göttliche Komödie". Übersetzt von Hartmut Köhler. 3 Bände im Schuber 89,- (auch einzeln erhältlich)

„Meinen Worten Flügel zu verleihen“: Philippe Jaccottet zum 90. Geburtstag

Jaccottet Sonnenflecken

Philippe Jaccottet ist eine der bedeutendsten Erscheinungen französischer und europäischer Dichtung der letzten Jahrzehnte. Charakteristisch für seine Werke ist der fließende Übergang von lyrischen Texten zu beschreibenden Passagen, von poetischen Reflexionen zu tagebuchartigen oder aphoristischen Notizen. Vor allem seine Gedichte sind „wie kleine Laternen, an denen noch der Widerschein eines anderen Lichtes glüht.“

Geboren ist dieser poetische Spaziergänger am 30. Juni 1925 in Moudon (Westschweiz). Nach Aufenthalten in Lausanne, Rom und Paris hat er sich 1953 nach Grignan in der Drôme, „in das kleine, von Madame de Sévignés Schloss gekrönte Dorf des Dauphiné“ zurückgezogen. Es war und ist der Ort, der für Jaccottet das „Hier“ bedeuten sollte. Hier waren die Bedingungen für sein Schreiben gegeben – und hier entstanden die vielen großartigen Werke wie „Der Unwissende“, „Antworten am Wegrand“, „Spaziergang unter den Bäumen“ und „Landschaften mit abwesenden Figuren“.  

Philippe Jaccottet war und ist aber nicht nur Dichter – er ist auch ein geniale Übersetzer der Werke von Dante und Hölderlin, von Musil und Ungaretti -  durchweg Autoren, die Einfluss auf sein eigenes poetisches Selbstverständnis haben. Und Musik und Malerei und die Auseinandersetzung damit haben für sein dichterisches Schaffen ebenso große Bedeutung.

„Fliegende Saat. Aufzeichnungen 1954-1979“ ist ein poetisches Sich-selbst-Vergewissern, aber auch ein Werk des Zweifels, des Unvollendetseins. Und es war keine Attitüde, als Jaccottet vor gut fünfzig Jahren schrieb: „Je älter ich werde, je mehr nehme ich zu an Unwissenheit / je länger ich lebe, je weniger habe ich, herrsche ich.“

Als „Fortsetzung“ von „Fliegende Saat“ sind die jetzt – pünktlich zu seinem 90. Geburtstag - veröffentlichten „Geretteten Aufzeichnungen 1952 – 2005. Sonnenflecken, Schattenflecken“ erschienen. Es sind poetische Texte und Fragmente, Gedanken zu Literatur und Natur, zu Malerei und Musik, zu Philosophie und Religion und nicht zuletzt zum eigenen Leben. Sie geben, so die Übersetzer Elisabeth Edl und Wolfgang Matz im sehr lesenswerten Nachwort, „noch einmal einen umfassenden Eindruck fast über die ganze dichterische Existenz“.

Leben und arbeiten, dichten und denken – in den Aufzeichnungen „Sonnenflecken, Schattenflecken“ ist dies auf das Schönste, aufs Nachdenkenswerteste festgehalten:

1. Juli 1957: „Wie der Mond sich zeigt, abends, über den Dächern. Jemand, der schüchtern ist, zurückhaltend, im allerletzte Augenblick erst hervortritt. / Blumen bei Nacht. / Blumen unterm Wasser des Wasserstrahls, ihr tiefes Blau. Offenbaren sie, was in uns sein kann an Geheimnis“. Und am 22. März 1989 notiert Philippe Jaccottet: „Die Goldberg-Variationen (in der Interpretation von Glenn Gould). Da kann ich nur stammeln. Es ist fast unmöglich, Analogien – intuitive Analogien – zu finden, die einem erklären könnten, wenigstens teilweise, warum das so schön und so überlegen ist….“. Am 6. Mai 1997: „Erschöpfung. Das Unglück der Freunde erinnert an die Flut, wenn man sie rund um den Felsen ansteigen sieht, auf dem man sich gerade noch halten kann. Es schnürt einem das Herz zusammen. Das Unausweichliche, vor dem uns ein immer kleinerer Abstand bewahrt oder ein immer dünnerer Schutzschild“. Am 11. Februar 1994 notiert der Dichter: „Im Großen und Ganzen scheint mir, ich bin plötzlich empfänglicher geworden für die Textur der Werke, die ich lese; das ist besonders der Fall bei Henry James…“ Und über einen Tag in Lissabon schreibt er am 1. September 1975: „Lissabon zum ersten Mal… Dieser ganze Tag im Zeichen einer  hell leuchtenden Trunkenheit.“ Andere Notate wiederum lesen sich wie kleine Gedichte: „Februarrauchwolken, fast durchsichtig; und etwas weiter, nur ein bisschen höher, schwebend im ganz blassen Himmelsblau, die weißen Wolken, die fast aussehen wie die verschneiten Alpen“. (2. März 1995).

Was Philippe Jaccottet geschrieben hat, was er schreibt, ist immer mehr als Literatur, ist große Dichtung. Ein Anspruch, den er so formuliert: „Meinen Gedichten Flügel zu verleihen“. Oder anders ausgedrückt: „…daß die Arbeit des Schreibens und die Form des Lebens, die Art, wie man sich im Leben verhält, untrennbar miteinander verbunden sein“ müssen. Dass es so ist, beweisen einmal mehr die Aufzeichnungen „Sonnenflecken, Schattenflecken“. Sie belegen gleichzeitig den herausragenden Rang, den dieser große Dichter in der Literatur unserer Zeit einnimmt.

Mehr darüber, über den Dichter und das Buch „Sonnenflecken, Schattenflecken“ wird die Übersetzerin Elisabeth Edl zu erzählen wissen  - bei einer Veranstaltung aus Anlass des 90. Geburtstags von Philippe Jaccottet am 21. Mai 2015: in der Lengfeld’schen Buchhandlung.

© Günter Nawe

Philippe Jaccottet, „Sonnenflecken, Schattenflecken“. Hanser Verlag, 272 S., 22,90 €