Episode am Genfer See - Der Erste Weltkrieg in der Weltliteratur

Über den Feldern

Als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" wurde der Erste Weltkrieg 1914-1918 vielfach bezeichnet. Und dies nicht zu Unrecht. Hatte er doch schreckliche Auseinandersetzungen nicht nur im militärischen und politischen Sinne zur Folge; dieser Krieg hat Spuren hinterlassen. Auch in der Kunst, in der Literatur. Künstler jeglicher Provenienz haben sich mit dem „Thema" befasst, haben ihre Erfahrungen auf vielfältige Art und Weise verarbeitet.

Vor allem die Literatur. Sie reagierte äußerst unterschiedlich auf diese Katastrophe. Große Namen begrüßten diesen Krieg, haben ihn frenetisch gefeiert, zumindest an seinem Anfang. Ebenso große Namen verurteilten den Krieg aus humanitären Gründen und sahen in ihm einen Zivilisationsbruch. Anderen wiederum war der Beginn dieses Krieges kaum eine Erwähnung wert. Kafka notierte zum Beispiel in seinem Tagebuch am 2. August 1914: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule".

„Über den Feldern – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur" heißt eine Anthologie von 70 meisterlichen Erzählungen, die einen literarischern Beleg für den Ersten Weltkrieg in der Weltliteratur darstellen. Mit ihnen öffnet sich ein Panorama der Jahre 1914-1918, das die Realität dieses Krieges zeigt – seine Abgründe, aber auch Momente von beeindruckender Hoffnung und große Momente des Glücks.

Stefan Zweig mag als Beispiel dafür stehen, dessen Erzählung „Der Flüchtling – Episode am Genfer See" in dieser Anthologie zu lesen ist. Und am 27. November, um 19:30 Uhr, im Museum für Angewandte Kunst zu hören sein wird. – Diese Novelle gilt als eine der schönsten und eindringlichsten des Autors Stefan Zweig. Sie handelt vom russischen Soldaten Boris, der in einer russischen Division erst in Russland und dann in Frankreich gegen die Deutschen gekämpft hat und am Ende völlig erschöpft und orientierungslos in Villeneuve im Genfer See aufgefunden wurde. Sein Wunsch ist es nun, einfach nur nach Hause zu kommen – wie auch immer. Vor allem auch, weil sein Aufenthalt in Villeneuve für den Ausländer oder gar Deserteur nicht ohne Probleme ist. „Ihr wollt verzeihen, ich wollt nur wissen... ob ich nach Hause darf". Er durfte nicht, er konnte nicht, weil die politischen und die militärischen Verhältnisse die Welt auf den Kopf gestellt haben.

Diese kleine, anrührende Geschichte über das, was der Krieg in einem Menschen und mit den Menschen überhaupt anrichtet, ist nur eine von 70 Erzählungen aus mehr als sechzehn Ländern, die Horst Lauinger in seiner Anthologie zusammengestellt hat. Meistererzählungen durchweg von Autoren wie Ernest Hemingway und Marcel Proust, Joseph Roth und Isaak Babel, Carl Zuckmayer, Robert Musil und Guillaume Apollinaire und viele anderen. Exemplarisch die Geschichten von Anatole France, von Klabund, Sherwood Anderson, Ivo Andrić, Claire Goll, Saki und vom schon erwähnten Stefan Zweig. Sie werden im Museum für Angewandte Kunst von Heidrun Grote und Bernt Hahn gelesen werden.

Der Weltkrieg in der Weltliteratur – ein beredtes Zeugnis, das die Anthologie gibt. In einem kenntnisreichen und sehr informativen Nachwort hat Horst Lauinger Zusammenhänge erläutert – Zusammenhänge zwischen der Natur und der Sensibilität der Künstler und dem Geschehen um sie herum. Und daraus ist dann Literatur geworden, große Literatur.

Literatur ist auf andere Weise auch ein kleines Buch, das der Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, Mario Kramp, geschrieben hat. Es kann als faktische Ergänzung und als weiterer Aspekt zur literarischen Gesamtschau gelesen werden. Besonders interessant der lokale Bezug. Es beschreibt den Beginn des Ersten Weltkriegs und des Bombenkriegs, der von Köln ausging. Ein Traum wird zum Albtraum, als am 8. Oktober 1914 die ersten Bomben auf Köln niedergingen. Für die Kölner war es eine traumatische Erfahrung, für den Historiker ist die historische Perspektive von Belang. – Dies als zusätzliche Leseempfehlung!

© Günter Nawe

„Über den Feldern – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur". Herausgegeben von Horst Lauinger. Manesse Verlag, 29,95 Euro

Mario Kramp, „1914: Vom Traum zum Albtraum – Köln und der Beginn des Bombenkriegs in Europa". Greven Verlag, 9,90 Euro

Donnerstag, 27. November 2014, 19:30 Uhr
„Über den Feldern" – Der Erste Weltkrieg in großen Erzählungen der Weltliteratur.
Buchvorstellung mit dem Herausgeber Dr. Horst Lauinger
Lesung: Bernt Hahn & Heidrun Grote

Veranstaltungsort: Museum für Angewandte Kunst Köln, An Der Rechtschule

Eintritt: 7,- / 5,- Euro