Ein Leben voller Extreme

Marguerite Duras zum 100. Geburtstag

Marguerite Duras

Vor 100 Jahren, am 4. April 1914, wurde in Indochina eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Frankreichs und eine Autorin von Weltrang geboren. Im Rahmen einer besonderen Lesung wird deshalb in der Lengfeld'schen Buchhandlung Marguerite Duras' gedacht werden. Unter dem Motto „Die WIEDER-kehr der verschwundenen WORTE" wird Heidrun Grote aus dem Werk der Grande dame der französischen Literatur lesen.

Aus einem Werk, in dem sich die Lebens- und Schreiberfahrung dieser überaus klugen, selbstkritischen Autorin widerspiegeln: Persönliche Erfahrungen, gewonnen aus dem Leben und der Zeit, die als literarisch ausformulierte Erinnerungen einen exemplarischen Charakter bekommen. Leben war dieser – wie es einmal hieß – „wissenden Schamanin" Literatur - und Literatur, das Schreiben überhaupt, Leben.

Ein Leben allerdings voller Extreme. In Indochina, dem heutigen Vietnam, war sie aufgewachsen, 1932 kam sie nach Paris, studierte Jura, Mathematik und politische Wissenschaften. Ab 1943 begann sie ein exzessives Schriftstellerleben. Alkoholabhängig und schreibwütig legte Marguerite fast Jahr für Jahr einen neuen Roman, ein Hörspiel, Theaterstücke und Drehbücher (u.a. „Hiroshima mon amour") vor. Bereits 1940 hatte sie sich der Résistance angeschlossen. Sie heiratete Robert Antelme, der nach Dachau verschleppt wurde, trat 1944 der kommunistischen Partei bei und wurde 1950 wieder ausgeschlossen.

Inzwischen war die literarische Öffentlichkeit durch die Romane „Die Schamlosen" (1943) und „Ein ruhiges Leben" (1944) auf Marguerite Duras aufmerksam geworden.

Mit dem autobiographischen Roman „Heiße Küste" (1950) gelang ihr der absolute Durchbruch. Vorrangig waren die Themen Liebe, die Gleichstellung der Frau und die großen und kleinen Katastrophen des Lebens, waren Sehnsucht und Leid und Verlangen. Sie sollten auch die weiteren Arbeiten der Marguerite Duras bestimmen, Werke, die zu Weltbestsellern wurden: „Der Nachmittag des Herrn Andesmas", „Die Verzückung der Lol V. Stein", „Die englische Geliebte" – später dann „Emily L.", „Der Liebhaber" (1984 ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt), „Der Schmerz". Ein solches Werk geht nicht ohne Widersprüche und Spannungen ab – wie sie das Leben der Autorin auch bieten. Die Duras hat sie angenommen - genauso wie ihre Obsessionen - und in Literatur verwandelt.

Marguerite Duras' Art zu schreiben ist in hohem Maße authentisch, von einer schmerzhaften Authentizität, sie liefert sich in ihren Werken förmlich aus. Es sind ihre inneren Stimmen, die sie in ihren Büchern hörbar macht. Sie hat, wie sie einmal gesagt hat, „den Romans meines Lebens, unseres Lebens, „ geschrieben; „ja, aber nicht die Geschichte". Zu diesem Leben, über das sie wie keine andere schreiben konnte, gehört auch die Liebe generell und die letzte große Liebe der Marguerite Duras im Besonderen. „Dann ist jemand gekommen", heißt es an einer Stelle. Jemand – Yann Andréa, der vierzig Jahre jüngere Mann, der sie noch einmal, ein letztes Mal, „entzückt". Entzückt auch von der „Herrlichkeit des Körpers, von der Blondheit der Haut..."

So rundete sich dieses aufregende Leben der Marguerite Duras. „Trinken, Schreiben, Lieben" waren, wie ihre Biograph Alain Vircondelet schreibt, „Rezepte, um dem Lauf der Zeit entgegenzutreten". Vor allem aber „Schreiben, ständig. Immer nur das. Die ganze Zeit." Denn wenn „ich schreibe, sterbe ich nicht".

Am 3. März 1996 ist diese außergewöhnliche Schriftstellerin, die leidenschaftliche und jederzeit kompromisslose Marguerite Duras in Paris gestorben. In dem, was sie geschrieben hat, lebt sie jedoch weiter.

© Günter Nawe

Die WIEDER-kehr der verschwundenen WORTE: Marguerite Duras

Dienstag, 29. April 2014, 19.30 Uhr

Lesung: Heidrun Grote

Moderation: Winfried Gellner

Reise an den Rand des Universums

Zum Tode des Schweizer Autors Urs Widmer

Urs Widmer

Eine sehr schöne, poetische und treffende Aussage über den Schweizer Autor Urs Widmer hat einmal der Schriftsteller-Kollege H. C. Artmann gemacht: „Urs Widmers Gedanken sind wie ein Vogel, den man im kalten Wald sucht, der aber auf der Straße gefunden wird und von dem man noch lange ein Lied singt." Dieser Urs Widmer hat eine Reihe hochinteressanter, literarische bedeutender und höchst unterhaltsamer Romane und Erzählungen geschrieben - so „Das Paradies des Vergessens", die wunderschöne Geschichte „Der blaue Siphon", den atemberaubenden Roman „Im Kongo". Aufsehen erregte der Schweizer Autor auch mit den Romanen "Das Buch des Vaters" und „Ein Leben als Zwerg". Von ihnen wird man noch ebenso „lange ein Lied singen" wie von dem Roman, der 2000 erschienen ist: „Der Geliebte der Mutter".

Die Geschichte der Mutter und ihres Geliebten wird von ihrem Sohn aufgezeichnet. Es ist eine sehr tragische Geschichte, die den Leser sofort gefangen nimmt, ergreift und eigentlich auch lange nach der Lektüre nicht loslässt. Da ist es einerseits Bedauern und Mitleid über das Schicksal der Mutter und andererseits Wut, gepaart mit Bewunderung, über das rücksichtslose Genie des Geliebten. Denn es ist eine sehr einseitige Liebe dieser Frau, eine ausgenutzte, eine selbstzerstörerische Liebe. „Irgendwann hatte sie ihren Text gefunden. Edwin. Edwin. Edwin. Edwin. Jede Faser des Körpers der Mutter rief Edwin."

„Die Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft" beginnt am 12. Juni 1926. Ein junger hoffnungsvoller, ja genialer Dirigent hat seinen ersten Auftritt mit dem von ihm gegründeten Jungen Orchester. Im Parkett sitzt die Mutter, Tochter aus gutem und gebildetem Hause – und ist fasziniert. Der Dirigent ist nicht nur hervorragend und sein Orchester brillant. Edwin hat auch den Mut, bisher unerhörte, unkonventionelle Musik von Komponisten wie Ravel und Strawinsky, Krenek und Prokofjew, vor allem aber Bartók zu spielen. Ein neuer Stern am Musikhimmel ist aufgegangen, ein Genie geboren. Und die Mutter – so erzählt der Sohn – war von nun an immer dabei. Sie liebt die Musik, sie liebt das Orchester, sie liebt den Dirigenten, dem sie sein „Mädchen für alles werden wolle, Herz und Hirn des Jungen Orchesters" und letztlich auch die Geliebte. Als sie ein Kind von ihm erwartet, verlangt das Genie allerdings skrupellos die Abtreibung, verlässt sie und heiratet in eine Maschinenfabrik ein.

Edwin wird reich und berühmt, die Mutter arm und verlassen. Und wäre der Autor nicht Urs Widmer, könnte diese traurige Geschichte sehr schnell zu Kitsch und Sentimentalität verkommen. Durch die Distanz, die der Autor durch den berichtenden Sohn schafft, und durch den fast buchhalterisch peniblen Erzählduktus, passiert genau das aber nicht. So braucht sich auch der Leser seiner Rührung nicht zu schämen und nicht seiner ohnmächtigen Wut. Denn es ist wirklich eine Lebenstragödie, ein böse Täter-Opfer-Geschichte von geradezu klassischem Format.

Während Edwin unaufhaltsam und vor allem rücksichtslos seinen Weg macht, leidet die Mutter, die Clara heißt, aber im Buch nur als „die Mutter" benannt wird. Sie heiratet, bekommt einen Sohn – und liebt weiterhin bis zur Selbstverleugnung ihren Edwin. Und er? Bis zu ihrem einundsechzigsten Jahr schickte er ihr per Fleurop eine Orchidee und einen mit violetter Tinte geschrieben Gruß „Alles Gute! E." „Dann kam keine Orchidee mehr. Nie mehr, obwohl die Mutter noch dreiundzwanzig Jahre lebte und Edwin noch viel länger."

So ist dieser kleine Roman natürlich ein Buch über die unerwiderte Liebe, über Herz und Schmerz, über die Qualen einer verletzten Seele. Es ist aber auch die Geschichte von Geld und Macht und was man damit im guten und schlechten Sinne alles anstellen kann. Es ist zudem und in bestem Sinne ein Buch über die Musik, vor allem über die neue Musik und ihre Komponisten – und das in sehr kundiger, kenntnisreicher Weise. Und geradezu en passant erfährt der Leser etwas über die kleine Welt Schweizerischen Bürgertums und die große Welt mit ihren politische Entwicklungen und Geschehnisse im 20. Jahrhundert.

„Heute ist der Geliebte meiner Mutter zu Grabe getragen worden", heißt es am Schluss dieses kleinen, aber unendlichen reichen und vollendeten Romans. Der Erzähler sieht im Fernsehen eine Sondersendung über Edwin, „Eine Jahrhundertfigur". „Ich sah Edwin mit Bartók, Edwin mit Strawinsky...und einmal, in einem Schwenk...fern sekundenschnell, einen Schatten, der meine Mutter sein mochte:"

Der Autor dieses Romans, Urs Widmer, ist am 2. April 2014 im Alter von 75 Jahren gestorben. Die Schweizer, die deutschsprachige Literatur hat mit ihm einen großen Schriftsteller verloren. Einen Gegenwartsautor, der als Romancier, als Dramatiker und Hörspielautor, in der Nachfolge der Frischs und Dürrenmatts stand. Vielfach preisgekrönt, so unter anderem mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis, mit dem Schweizer Literaturpreis und dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis, wurden seine Bücher fast alle durchweg Bestseller. Vielleicht auch deshalb, weil bei Urs Widmer, der gern auch schon mal als „komischer Tragiker" bezeichnet wurde, im Hintergrund des Komischen immer das verdeckt das Tragische lauert. 2013 erschien seine Autobiografie „Reise an den Rand des Universums". Jetzt hat Urs Widmer diese Reise angetreten.

© Günter Nawe