Gaben von der Katze Erinnerung

Bernt Hahn liest Uwe Johnson "Heute Neunzig Jahr"

Johnson Heute Neunzig Jahr

Das opus magnum des Schriftstellers Uwe Johnson, die „Jahrestage", war mit der Veröffentlichung des vierten und letzten Bandes gerade vollendet, da starb der Autor im Frühjahr 1984 – also vor 30 Jahren. Daran ist zu erinnern, weil zu dieser Zeit 1984 bereits ein neues Werk angekündigt war, ein Buch mit dem Titel „Heute Neunzig Jahr". Als Untertitel war geplant, dann wieder gestrichen: Die Geschichte der Familie Cresspahl.

Das Buch blieb unvollendet, es fand sich lediglich ein Typoskript von rund 120 Druckseiten. Direkt am Anfang des Textes – veröffentlicht zusammen mit einer philologischen Studie und einem Nachwort des Herausgebers Norbert Mecklenburg 1996 – schreibt Uwe Johnson: „Auswendig gelernt, die äußere Kruste des Gewesenen, gezwängt in die Kette der Jahre, die zurückrasselt in den Brunnen. Statt der Wahrheit Wünsche an sie, auch Gaben von der Katze Erinnerung, dem Gewesenen hinterher schon durch die Verspätung der Worte, nicht wie es war, bloß was ich davon finden konnte: 1888, 1938, 1968. Damals."

Für Johnson-Leser entschlüsselt sich dieser kryptische Text sehr schnell. 1888 war das Geburtsjahr von Heinrich Cresspahl, 1968 verlässt Gesine New York und fliegt über Kopenhagen nach Prag. Anfang und Ende der „Jahrestage" also.

Parallelen zwischen „Heute Neunzig Jahr" und den „Jahrestagen" gibt es zuhauf. Der hier veröffentlichte und sozusagen nachgeschobene Text erzählt noch einmal die Geschichte der Familie Cresspahl, allerdings weniger narrativ als in Form von sehr präzisen Eintragungen, mit denen sich Gesine den Vater und ihre eigene Biographie vergegenwärtigen will: von Heinrichs Geburt als Stellmachersohn auf einem Gut in Mecklenburg, seiner Tischlerlehre in Malchow, der Teilnahme am Ersten Weltkrieg, dem Weggang aus der unwirtlich gewordenen Heimat zuerst in die Niederlande, später nach

England bis hin zu den Ereignissen, die der Leser aus den „Jahrestagen" kennt. Das unvollendete Prosastück endet 1947, sollte dann aber bis ins Jahr 1978 fortgesetzt werden, was die titelgebenden „Neunzig Jahr" erklärt.

Und wie immer bei Johnson, der eigentlich in allen seinen Büchern beim Thema bleibt, erfolgt eine Verflechtung des Privaten mit dem Historisch-Politischen. Johnsons akribische Recherche, die ironische Reflexion und die erstaunliche Dichte des Textes erklären die Faszination und Spannung, die für den Leser aus diesem Nachlasswerk erwächst.

Bemerkenswert die Leistung des Herausgebers Norbert Mecklenburg. Dessen philologischer Essay und sein Nachwort zu diesem Band sowie die ausführliche Cresspahl-Zeittafel machen dem Leser viele Zusammenhänge, was die gesamte Johnson-Literatur betrifft, im Besonderen aber die „Jahrestage", deutlich. So lange also Uwe Johnson gelesen wird, wird dieses Buch Bestand haben.

Wie richtig das ist, zeigt und beweist die Lesung dieses Buches – achtzehn Jahre nach seinem Erscheinen - durch Bernt Hahn in der Johnson-affinen Lengfeld'schen Buchhandlung an 5 Abenden, beginnend am 18. März 2014.

© Günter Nawe

Uwe Johnson, Heute Neunzig Jahr. Suhrkamp Verlag, 18,80 Euro

 

Ein Kosmopolit des Geistes - Octavio Paz zum 100. Geburtstag

Freiheit war für den mexikanischen Dichter die Grundvoraussetzung für das Miteinander der Menschen. Diese Freiheit war auch durchgängig das Thema seiner Dichtung und der politischen Arbeit des Lyrikers und Essayisten, des Kritikers und und Diplomaten, des radikalen Denkers Octavio Paz.

Geboren wurde Octavio Paz am 31. März 1914 in Mexico City, gestorben ist er am 20. April 1998 in Mexico City. Er entstammte einer spanisch-indianischen Familie liberaler Prägung, Diesem Mexico fühlte er sich ein Leben lang kritisch verbunden. Hier hatte er seine geistigen Wurzeln Und von hier aus hat er Brücken geschlagen, indem er fremde Literaturen, Philosophien und Religionen in sein überragendes Werk integriert hat. Dieser Kosmopolit des Geistes wurde so das literarische Gewissen seines Landes, dem er als feinsinniger Diplomat und herausragender Repräsentant in Frankreich, Japan und Indien gedient hat. Ein homme de lettres also und ein homo politicus im besten Sinne des Worte. In „Itinerarium", einer kleinen politischen Autobiographie, legt er Zeugnis davon ab.

Was ihn nicht hinderte, nach dem blutigen Massaker von 1968 seine diplomatische Tätigkeit aufzugeben, um sich ganz seinem Werk zu widmen. Als Lyriker und Essayist hat er der literarischen Welt so bedeutende Bücher geschenkt wie „Adler und Sonne", Gedichte in Prosa, mit der er ohne Sentimentalität das Land seiner Kindheit in Erinnerung rief. Mit dem großen biografischen Essay „Sor Juana Inés de la Cruz oder Die Fallstricke des Glaubens" hat er das Leben dieser mexikanischen Dichterin und Nonne nicht nur einfach beschrieben, sondern die religions-wissenschaftlichen, historischen, kulturellen und philosophischen Bezüge ihres Werks sozusagen weltweit dargestellt.

In „Die andere Stimme", einem Essayband, untersucht Octavio Paz kompetent und akribisch die Dichtung der Zeit und bestimmt ihre Funktion. Ein absolut lesenswertes Buch, in dem Paz nicht nur feststellt, dass sie Welt unaufhörlich in Veränderung begriffen ist, sondern: „Dasselbe geschieht auch mit dem Menschen... so wurde das Universum für mich plötzlich nicht zur Gegenwart, sondern zu einer Frage." Und diese „Frage" stellte er auch immer in wunderbaren Gedichten. In ihnen werden die Formenvielfalt seiner Poetik deutlich und die gedankliche und poetische Bandbreite der Paz'schen Dichtung.

„Alles, was ich schreibe, hat provisorischen Charakter. Ich glaube nicht an feste Wahrheiten, am ehesten noch an die poetische Wahrheit", hatte der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1984 und der Literatur-Nobelpreisträger von 1990 einmal geschrieben. Und tritt mit seiner Dichtung den Beweis dafür an. Sie vermittelt bis heute (und sicher darüber hinaus) seine „poetische Wahrheit", die eine zutiefst humane Wahrheit ist, in dem sie von Liebe und Tod, von Einsamkeit und verlorenen Illusionen erzählt.

In „Die doppelte Flamme" hat Octavio Paz ein kleine Kulturgeschichte der Liebe, die in allen seinen Büchern ihren Platz hat, geschrieben. Und er schreibt von den Bedingungen von Liebe und Sexualität, also von der doppelten Flamme, und von der personalen Freiheit in der freiwilligen Knechtschaft der Liebe. Gleichzeitig nimmt uns Paz in diesem Buch mit auf einen profunden Streifzug durch die Weltliteratur. Ähnlich wie in „Die andere Stimme" – ein Band, der der Dichtung an der Jahrhundertwende gewidmet ist.

„Freiheit, die sich erfindet" heißt ein weiterer Gedichtband, in dem dieser Themenkreis abgeschritten wird. Und in dem Essay von 1956 „Der Bogen und die Leier" steht: „Dichtung ist Erkenntnis, Rettung, Macht, Verlassenheit. Als ein Verfahren, das die Welt zu ändern vermag, ist Dichtung ihrem Wesen nach revolutionär". Und der Dichter als Philosoph: „Ich sehe die wesentliche Aufgabe des zeitgenössischen Dichters darin, das zu tun, was die Pfarrer vergessen haben: Den Menschen daran zu erinnern, dass es eine sogar noch gewichtigere Realität als die Liebe gibt – den Tod... dass der Zerfall des Liebesbegriffs in der modernen Gesellschaft zusammenhängt mit dem Verschwinden des Todesbegriffs". Und: Dichtung ist „Schauen der Ruhe in der Bewegung", denn „Wir gehen nicht, wir kommen nicht, wir sind in den Händen der Zeit".

Sätze von zeitloser Gültigkeit, mit denen Octavio Paz auf Heidegger verwieist, der Philosophie und Poesie als Schwestern gesehen hat, die in getrennten Häusern lebten, aber ständig miteinander in Verbindung standen. In diesem Sinne war der mexikanische Dichter Octavio Paz ein Philosoph, der sich auf der Spurensuche nach der Identität des Menschen befand.

© Günter Nawe