Dem schützenden Nebel des Gedächtnisses entrissen

Zum 100. Geburtstag von Claude Simon

Die literarische Welt feiert in diesem Jahr 2013 gleich drei große Franzosen: Albert Camus, dessen 100. Geburtstags sie gedenkt; Marcel Proust, der vor 100 Jahren den ersten Band Du côté de chez Swann seines Monumentalromans À la Recherche du Temps perdu veröffentlichte – und nun Claude Simon, der vor 100 Jahren – am 10.Oktober 1913 - in Tananarive (Madagaskar) geboren wurde. Glückliches Frankreich.

Claude Simon war – wie Jean Améry einmal in einem wunderbaren kleinen Essay schrieb – ein einsamer Mensch. Und sein Werk war das eines Einzelgängers. Er entzog sich soweit es ging sozialen und politischen Verpflichtungen. Er lebte eigentlich nur für seine Literatur. Und die ist vom Besten, was die klassische Moderne uns zu bieten hat.

Aufgewachsen ist Claude Simon in Perpignan, er besuchte ein Internat in Paris und studierte Mathematik in Oxford und Cambridge. Er leistete als Kavallerist seinen Militärdienst ab, wurde 1936 Mitglied der kommunistischen Partei und reiste nach Barcelona, wo er mit dem Spanischen Bürgerkrieg in Berührung kam und später illegale Waffentransporte nach Spanien organisierte. Simon machte 1937 eine große Europareise, 1939 dann folgten die Einberufung zum Militär, der Krieg und Gefangenschaft. Der Krieg wurde für Claude Simon Trauma und Obsession. Und der Stoff, aus dem große Literatur wurde.

Erste literarische Versuche – noch ohne nennenswerte Ergebnisse. Obwohl Simon mit Das Seil bereits 1947 einen faszinierenden Roman vorgelegt hat. Aus persönlichen und historischen Erfahrungen und Erinnerungen speiste sich dann das kommende Werk. Die Spanienerlebnisse fanden im Roman Der Palast (1962) ihren Niederschlag, der Krieg in Die Straße von Flandern (1959).

Noch aber finden seine Bücher wenig Aufmerksamkeit. Erst die späteren Romane Claude Simons, die dem noveau roman zugerechnet werden, der als experimentelle Literaturform in den 60-iger Jahren aufkam und den der Schriftsteller für sich ablehnte, gewinnen an Bedeutung und an Zuspruch. So zum Beispiel Der Wind. Claude Simon hatte seine Form des Schreibens gefunden. 1967 erschien dann Geschichte. Es ist eine Geschichte in doppeltem Sinne, die Simon erzählt: von einem Vorfahren zur Zeit der Französischen Revolution und vom Erzähler selbst und seinen Erinnerungen an Frankreichs Niederlage 1940. Für diesen Roman erhielt Claude Simon erstmals einen Preis – den renommierten Prix Médicis.

Es ist die Erinnerung, die unwillkürliche Erinnerung, die das Schreiben Simons bestimmt.

In Archipel / Nord – Kleine Schriften und Photographie schreibt Claude Simon: Es muss ein Zustand des Gleichgewichts gefunden werden. Seiner schwierigen Suche gilt mein Schreiben. Sie bedarf großer Anstrengungen.... Claude Simon hat diesen Zustand des Gleichgewichts gefunden. In diesen beiden kleinen Alltagsskizzen (erstmals erschienen 1973/1974) ist der Stil des Claude Simon bereits angelegt. Und so vermischen sich in seinen Arbeiten immer wieder die zeitlichen Ebenen, der Handlungsverlauf wird ständig durch Assoziationen unterbrochen, es gibt keine Grenzen mehr zwischen Realität und Phantasie. Und Sprache und Bilder sind wichtiger als die Handlung.

Nacheinander sind Bücher erschienen, die von dieser schwierigen Suche bestimmt sind: Die Schlacht bei Pharsalos (1969), Triptychon (1973), Georgica (1981). 1985 erhält Claude Simon – wider alle Erwartungen und nicht ohne Widerspruch unter den französischen Autoren und Kritikern – den Literatur-Nobelpreis. Wie berechtigt diese Auszeichnung ist, beweisen nicht nur die bisherigen Bücher, sondern auch und gerade die Romane, die später als Meisterwerke bezeichnet werden.

In einem großartigen Bericht aus den unterschiedlichsten Epochen seines Lebens, im Roman Die Akazie (1989), blickt Claude Simon zurück. Er erinnert sich an seine Flucht aus der deutschen Kriegsgefangenschaft, von der Suche seiner Mutter nach dem Grab des Vaters in Flandern. Die titelgebende Akazie steht in Perpignan, im Hof seines Hause. Sie löst sozusagen den Bewusstseins- und Erinnerungsstrom aus – ähnlich der Madeleine bei Marcel Proust. Auch Claude Simon begibt sich auf eine Suche nach der verlorenen Zeit.

Im 1997 veröffentlichten Roman Jardin des Plantes erzählt der Autor von seiner Jugend im Süden Frankreichs, von der Besetzung Paris', von seinen Reisen. Damit besichtigt der Schriftsteller gleichsam sein Jahrhundert. Er schafft eine neue, seine neue Weltordnung kraft der Erinnerung und seiner schriftstellerischen Fähigkeiten – und ermöglicht dem Leser so eine neue Sicht auf Welt und Geschichte. Der existenzielle Augenblick wird durch das Erinnern und das Erzählen zum Abbild des 20. Jahrhunderts, in dem, so Simon, ... alles monströs war, .... alles ist explodiert, alles ist in Fragmente zerfallen. Jardin des Plantes ist ein phänomenales Werk und nach Proust, Joyce und Kafka ein weiterer Jahrhundertroman; und sein Autor zweifellos einer der größten Schriftsteller seiner Zeit.

Er könne nicht erfinden und habe in seinen Werken auch nichts erfunden, ließ Claude Simon seinen Leser wissen. So auch nicht in seinem letzten Buch Die Trambahn (2002). Es ist ein Buch der Vergegenwärtigung vergangener Zeiten, ein Alterswerk voller Gelassenheit und Weisheit. Die Fahrt mit der Trambahn von der Endstation der Stadt Perpignan bis hinunter zum Strand ist eine Fahrt in die Vergangenheit. Claude Simon hat sein Leben und Erleben in dieser Stadt und in dieser Zeit dem ungreifbaren und schützenden Nebel des Gedächtnisses in Sätzen und Bildern entrissen.

Der 100. Geburtstag also eines der größten französischen Romanciers des letzten Jahrhunderts, dessen Bücher Weltliteratur im wahrsten Sinne des Wortes sind. Und Claude Simon in Deutschland? Der Frage der Rezeption Simons widmen sich aus Anlass des Jubiläums Irene Albers und Wolfram Nitsch mit einem Colloquium und einer Ausstellung in der Bibliotheca Reiner Speck, Köln, am 30. November und 1. Dezember 2013. Mit Lesungen und Vorträgen werden verschiedene Aspekte von Leben und Werk beleuchtet.

© Günter Nawe

„Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang“

Vor 100 Jahren erschien "Unterwegs zu Swann"

Radisch Camus

„Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang". So Anatole France, der Freund, zum Erscheinens des ersten Bandes der „Recherche": „Du côté de chez Swann". Wie recht er hatte, sollte sich bald herausstellen. France starb 1924 und hat die Veröffentlichung des letzten Bandes dieses Monumentalwerks nicht mehr erleben dürfen. Da haben wir „Nachgeborenen" es doch besser.

14. November 1913. Bei Grasset erscheint „Du côté de chez Swann" – letztlich allerdings auch nur dank eines Druckkostenzuschusses durch den Autor. Zuvor schon hatte André Gide eine Veröffentlichung des Romans von Marcel Proust in der „Nouvelle Revue Française" abgelehnt. Was er später sehr bedauern sollte. Wie auch immer: Der Roman ist nun in der Welt... und tritt seinen Siegeszug an.

„Unterwegs zu Swann" steht wie der Romanzyklus „À la recherche du temps perdu" am Anfang der literarischen Moderne. Er ist eines der bedeutendsten Werke dieser Epoche – und einzigartig. In diesem siebenbändigen Jahrhundertroman verabschiedet sich die Belle Époque und die vielfach dekadente Gesellschaft des Fin de siécle, die Proust so meisterhaft beschreibt. Gleichzeitig markiert das Buch - ein Jahr vor dem 1. Weltkrieg – den Beginn einer neuen Zeit.

Zeit ist eines der zentralen Themen dieses opus magnum. In „Die Flüchtige" heißt es: „Denn der Mensch ist ein Wesen ohne festes Lebensalter, ... das innerhalb der Wände der Zeit, in der es gelebt hat, auf und ab schwebt wie in einem Bassin, dessen Spiegel unaufhörlich auf und nieder steigt und es bald in die Höhe dieser, bald auf die Höhe jener Epoche trägt." Und diese Zeit, ihre Menschen, die Liebesbeziehungen, die Affären wären „verloren", würde sie nicht von Proust in einem Kunstwerk „erinnert". Denn die Erinnerung, sei sie willkürlich oder unwillkürlich, ist letztlich auch ein Schlüssel zur Essenz des Lebens.

Und so beginnt „Unterwegs zu Swann" mit dem immer wieder zitierten Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen." Der Schlafende und Träumende erinnert sich: an das Zubettgehen in Combray, an die berühmte Madeleine, an Weißdornblüten und Seerosen, an die drei Kirchtürme von Martinville und Vieuxvicq und an Swanns Liebe zu Odette....später an die Guermantes und die Verdurins, an Balbec, Paris und Venedig, an Baron de Charlus und Marquis de Norpois und und und....

Marcel Proust hat ein literarisches Universum geschaffen, einen „Kathedralen-Roman", in dem sich die Welt widerspiegelt. Und so sind wirklich „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang", was gerade deshalb nicht daran hindern sollte, sich immer wieder lesend in dieses Universum zu begeben.

„Aus gegebenem Anlass" feiert also die Marcel Proust Gesellschaft ihren Autor am 17. November 2013 mit einer Matinée im Kölner Museum für Angewandte Kunst. Und die „Bibliotheca Reiner Speck" zeigt eine Ausstellung zu Genese und Rezeption von „Du côté de chez Swann" (18. November 2013 - 2. Februar 2014).

Damit nicht genug. Bernd-Jürgen Fischer hat bei Reclam den Versuch einer Neuübersetzung der „Recherche" gewagt. Der erste Band „Auf dem Weg zu Swann" ist gerade erschienen; in Kürze werden die weiteren Bände folgen. Und damit hätten wir dann die dritte deutsche Komplettübersetzung vorliegen – nach Teilübersetzungen von Schottländer und Benjamin und der Pioniertat von Eva Rechel-Mertens (1953 bis 1957) sowie der revidierten und verbesserten Ausgabe von Luzius Keller (1994 bis 1996). Die Übersetzungen von Eva Rechel-Mertens und Luzius Keller mag man als „Proustianer" vorziehen, die Fischer-Übersetzung hat dennoch gerade für jüngere „Einsteiger" ihre Berechtigung und ihre Verdienste.

Luzius Keller – wer sonst? Proust-Übersetzter, Herausgeber der deutschen Ausgabe der Marcel-Proust-Enzyklopädie, Autor verschiedener Bücher über Proust, gilt als weltweit anerkannter Proust-Experte. Und natürlich hat der Züricher Romanist es sich nicht nehmen lassen, zu diesem Proust-Jubiläum seinen Beitrag zu leisten. Mit „Proust 1913" beschreibt Keller in „Momentaufnahmen mit Rückblenden und Vorausblenden" die Sorgen und Nöte um die Veröffentlichung von „Du côté de chez Swann". Proust wird in kurzen Texten sehr lebendig. Wir erleben ihn bei der Arbeit, wir treffen den Briefschreiber und sind dabei, wenn Proust auf vielen Wegen und Umwegen zu dem berühmten Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" findet.

Mehr dazu am 15. November 2013 auch in der „Lengfeld'schen Prousthandlung" (Reiner Speck), in der Luzius Keller sein neues Werk vorstellt.

Und mehr zu Proust in dem wunderbaren Bändchen von Anka Muhlstein. Die amerikanische Historikerin und Schriftstellerin hat sich in „Der Bibliothek des Monsieur Proust" begeben. Dort traf sie die Hausgötter Proust: Jean Baptist Racine, Henri de Saint-Simon, Honoré de Balzac und Thomas Hardy, George Eliot und Charles Baudelaire. Sie sind – wie Anka Muhlstein formuliert - die Giganten, auf deren Schultern Prousts monumentales Werk steht. Akribisch geht sie den Spuren nach, die sich von diesen Giganten in Prousts Werk so zahlreich finden. Eine spannende Entdeckungsreise.

Von „Du côté de chez Swann" zu „Le temps retrouvé". Am Ende resümiert Marcel Proust in einem der berühmten proustschen Sätze „Immerhin würde ich es zu allererst nicht unterlassen, wenn die Kraft mir lange genug erhalten bliebe, um mein Werk zu vollenden, darin die Menschen, auf die Gefahr hin, daß sie dann monströsen Wesen glichen, als Figuren darzustellen, die neben dem so beschränkten Platz, der ihnen im Raum reserviert ist, einen anderen, so beträchtlichen, im Gegensatz zum ersten maßlos in die Länge gezogenen Platz einnehmen, da sie ja, wie in die Tiefe der Jahre getauchte Riesen, gleichzeitig so weit voneinander entfernte Epochen berühren, die sie durchlebt haben und zwischen die sich so viele Tage geschoben haben – einen Platz in der Zeit."

© Günter Nawe

Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlornen Zeit. Band 1 – Auf dem Weg zu Swann. Aus dem Französischen von Bernd-Jürgen Fischer. Reclam Verlag Reinbek, 694 S., 29,95 €

Luzius Keller, Proust 1913. Hoffmann und Campe Verlag, 128 S., 14,- €

Anka Muhlstein, Die Bibliothek des Monsieur Proust. Insel Verlag Berlin, 150 S., 16,95 €

„Die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“

Vor 100 Jahren wurde Albert Camus geboren

Radisch Camus

Hohes Lob kam vom Gegner: „Er stellt in unserem Jahrhundert, und zwar gegen die Geschichte, den wahren Erben jener langen Ahnenreihe von Moralisten dar, deren Werke vielleicht das Echteste und Ursprünglichste an der ganzen französischen Literatur sind." So Jean-Paul Sartre über Albert Camus. Über den Mann, der sein Erzfeind war und den Sartre, der eine äußerst unrühmliche Rolle im politisch-philosophischen Streit dieser französischen Intellektuellen in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gespielt hat, einmal als „algerischen Gassenjungen" bezeichnet hat.

Dieser Albert Camus, ein Philosoph, der er nicht sein wollte, ein Mann, der die Frauen liebte, ein außergewöhnlicher Schriftsteller und der Literatur-Nobelpreisträger von 1957, wurde am 7. November 1913 im algerischen Mondovi geboren. Sein Leben und Werk waren ein Leben und ein Werk voller Widersprüche, die es für ihn allerdings auszuhalten galt. Denn wie sein Sisyphos hat Camus den Stein gewälzt – immer und immer wieder, sich der Absurdität des Seins bewusst. Sisyphos muss man sich deshalb, so Camus, als einen „glücklichen Menschen vorstellen". War Albert Camus ein glücklicher Mensch? „Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten." Seine Antworten sind sein Werk. Allerdings: „Ich glaube, dass unserer Welt kein tieferer Sinn innewohnt. Aber ich weiß, dass etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch – denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht." (Brief an einen deutschen Freund).

Albert Camus hielt sein Leben immer als geheim – für die anderen und für sich selbst. Das Schreiben war deshalb für ihn eine Art von Zwang. „Heimlich und ohne Formulierung ist es (das Leben – d. Red.) für mich am reichsten". Und Camus brauchte immer „ein wenig Alleinsein, den Anteil an Ewigkeit". Diesen „Anteil an Ewigkeit", diesen Anteil an literarischer Ewigkeit hat sich Albert Camus durch sein Denken und mit seinem Schreiben errungen.

Viele sehr interessante Antworten auf die Grundfragen, die das Leben von und für Albert Camus ausgemacht haben, finden wir in der großartigen Biographie von Iris Radisch. Grundlage seines Schreibens und Denkens waren zehn Lieblingswörter, so Iris Radisch in „Camus. Das Ideal der Einfachheit": „Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: ‚Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.'" (Camus 1951).

An diesen Wörtern entlang strukturiert die Literaturkritikerin Iris Radisch ihre Biographie. Sie geht dabei chronologisch vor: Da ist die Mutterfixierung und die Vaterlosigkeit des jungen Albert, da sind Schule und der Besuch des Gymnasiums, die Lungen-Tuberkulose, die ihn ein ganzes Leben lang begleiten wird. Die Liebe zum „Licht", zu seiner Heimat, zum Mittelmeer und zu Griechenland hat ihn Lebenslang begleitet. Camus war durch und durch ein mediterraner Mensch, der sich später in Paris nie so recht wohlgefühlt hat. In seiner Heimat sah und fand er das „Ideal der Einfachheit". Nach einer „Heimat" und dem „Ideal der Einfachheit" hat er später auch in Frankreich gesucht. Er hat Heimat und Einfachheit gefunden in einem Landhaus in Lourmarin, allerdings erst ein Jahr vor seinem Tod.

Paris dagegen war es, an dem und in dem der Schriftsteller gelitten hat. Es war vor allem ein intellektuelles Leiden, das den Sozialisten, der keiner Ideologie anhing, umtrieb. Irisch Radisch hat gerade diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Und damit einer der grundlegenden philosophischen und politischen Auseinandersetzungen Raum gegeben. Denn der als „Verräter am Marxismus" bezeichnete Philosoph, der langen Zeit Chefredakteur der linken Zeitung „Combat" war, der in der Résistance aktiv war, saß – wahrscheinlich für ihn die einzig mögliche Position – zwischen „den Stühlen". Dass seine Philosophie, dargelegt in „Der Mythos des Sisyphos" und letztlich in „Der Mensch in der Revolte" bis heute Bestand hat, zeichnet sie aus.

Iris Radisch hat die verschiedenen Aspekte und Fakten des kurzen Leben des Albert Camus elegant miteinander verknüpft, und alles ausgewertet, was Camus uns hinterlassen hat: Dramen und Skizzen, politische Reden und Schriften zum Thema „Algerien", seine Artikel für Zeitungen und Zeitschriften, die Tagbücher, nicht zuletzt durch lange Gespräche mit seinen beiden Kindern Catherine und Jean, – vor allem aber die Romane. Es war ihr besonders wichtig, „den algerischen Camus zu entdecken". Das ist ihr mustergültig gelungen. Überhaupt sieht sie das Philosophische, das Politische bei Camus immer im Kontext der biographischen Daten und Fakten, der Frauen seines Lebens und der einzelnen Lebensstationen. Es war eine „atemlose Existenz", die Camus gelebt hat, als hätte er gewusst oder geahnt, dass er nicht lange zu leben habe.

Vor allem in der Darstellung seines schriftstellerischen Werks glänzt die Literaturkritikerin. Ihre „Interpretationen" des Romanerstlings „Der Fremde", längst eine Art Kultbuch, sieht sie den Autor zwischen Traditionalismus und Moderne – mit dem Versuch einer Versöhnung. In „Die Pest" - politische Allegorie und existentialistische Parabel und wohl einer der bis heute bekanntesten Romane der französischen Literatur – präsentiert sich auf großartige Weise die Idee des Absurden, formuliert als „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt".

Eine Liebeserklärung an seine algerische Heimat, an alles das, was sie ihm gegeben hat und was sein Leben und sein Werk entscheidend mitbestimmt, sind die wundervollen Texte „Hochzeit des Lichts", mit dem unvergesslichen Eingangssatz „Im Frühling wohnen in Tipasa die Götter", und „Heimkehr nach Tipasa".

Am 4. November 1960 stirbt Albert Camus bei einem Autounfall auf einer Fahrt nach Paris. Im Gepäck hatte er sein letztes Werk, den unvollendeten (autobiographischen) Roman „Der erste Mensch".

Iris Radisch hat eine wundervolle Biographie über Albert Camus geschrieben – kenntnis- und detailreich und hervorragend zu lesen. Und bei aller Begeisterung für diesen Autor lässt die Biographin nie die kritische Distanz und die wissenschaftliche Akribie, die eine solche Biographie erfordern, vermissen.

© Günter Nawe

Iris Radisch, "Camus. Das Ideal der Einfachheit." Rowohlt Verlag Reinbek, 352 S., 19,95 €