Eine Welt infernalischer Gewaltexzesse

Rudy Herz – ein exemplarisches Schicksal?

Rudy Herz

 

Man wird sich nicht daran gewöhnen, man will sich auch nicht daran gewöhnen: Die Schilderungen einer „Welt infernalischer Gewaltexzesse“, der Holocaust mit seinen vielen grausamen Aspekten, das furchtbare Schicksal der betroffenen Menschen – es ist immer noch Fassungslosigkeit, oft genug Wut und mehr als Empathie, die den Leser, den Hörer, den Zuschauer ergreifen. Eine Fassungslosigkeit aber auch, der man sich immer und immer wieder aussetzen sollte. Nicht um zu begreifen – das wird kaum möglich sein - , sondern um allen Anfängen einer nie auszuschließenden Wiederholung zu widerstehen.

In diesen Kontext passen ein Buch und eine Veranstaltung, die von den Literaturfreunden der Lengfeld’schen Buchhandlung präsentiert werden. Im Mittelpunkt stehen Rudy Herz und seine Familie aus Stommeln bei Köln. Diesem Rudy Herz, einem Rheinländer mosaischen Glaubens, der in der deutschen Kultur zuhause war, ist die Biographie von Josef Wißkirchen gewidmet. Wißkirchen schildert detailgenau, aus persönlicher Nähe und dennoch mit dem kritischen Blick des Historikers das Schicksal seines Freundes. Und genau dies macht die Lektüre so eindrucksvoll – und den Leser immer wieder betroffen.

Es war ein nahezu exemplarisches Schicksal. Rudy Herz wurde von dem braunen Terror nicht nur seiner großen Familie, von denen die meisten Mitglieder in Auschwitz und anderen Lagern ermordet wurden, beraubt; er verlor auch seine Heimat nach einer furchtbaren Odyssee durch Köln - immer auf der Suche nach einer Unterkunft, die ihn zumindest etwas vor den Nazis schützte. Später waren es das Ghetto Theresienstadt, die Lager von Auschwitz, von Schwarzheide und Lieberose, von  Sachsenhausen und Mauthausen, die unheilbare Wunden hinterließen. Am 15. Mai 1945 wurde der neunzehnjährige Rudy Herz von den Amerikanern befreit. Auf verschlungenen Wegen über Frankreich, die USA, wieder Frankreich fand Rudy Herz in Amerika seinen endgültigen Wohnsitz, wo er im Alter von 86 Jahren 2011 verstarb. 

Immer wieder hat Rudy Herz Deutschland besucht und in Vorträgen und Interviews die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen, an die Zeit und Welt infernalischer Gewaltexzesse wach gehalten.  Daß sein Zeugnis „weiterlebt“, belegt die Biographie von Josef Wißkirchen, an der Rudy Herz nicht nur Anteil genommen, sondern mitgearbeitet hat. Aber auch die Filmdokumentation „Juden in Stommeln“ des Journalisten und ehemaligen WDR-Redakteurs Manfred Höffken, die in der Veranstaltung am 27. Juni 2013 gezeigt wird, hat Rudy Herz zum Thema. Der Film begleitet den Zeitzeugen bei seinem Besuch 1986 in seiner Heimat. 

Diese Veranstaltung findet im Verwaltungsgericht Köln, Appellhofplatz, statt. Seine  Präsidentin Birgit Herkelmann-Mrowka wird nicht nur den Sitzungssaal zeigen, sondern auch über den berühmten „Lischka-Prozess“ wegen Deportation und Ermordung von Juden (1979) ausführlich über diesen Prozess berichten.

Am Schluss dieser „Einladung“ zum Lesen, zum Sehen und Hören mag ein Wort von Rudy Herz stehen, dass er 1983 den Schülern der Gesamtschule von Stommeln mit auf den Weg gegeben hat:

„Es gibt leider nichts, was den Auschwitz-Überlebenden helfen könnte, dieses Vernichtungslager zu vergessen…. Ich weiß nicht, ob man verstehen wird, dass ich dabei nicht an Revanche denke oder das deutsche Volk verfluche …Ich möchte einfach in Gedanken bei meinen Lieben sein, bei meinen Eltern und Geschwistern, so daß ihr Leben nicht ausgelöscht ist, sondern bis zu meinem letzten Atemzug ein Teil des Seins auf dieser Welt ist und nicht nur ein Name unter Hunderten auf einem Gedenkstein…“.

© Günter Nawe

 

Josef Wißkirchen, "Rudy Herz. Ein jüdischer Rheinländer". Verlag Ralf Liebe, 252 S., 20,- Euro

Nähere Informationen zu der am 27.6.2013 stattfindenden Veranstaltung erfragen Sie bitte telefonisch oder per E-Mail!

„Sei vielgestaltig wie das Weltall“ - Wer war Fernando Pessoa?

Zum 125. Geburtstag des Dichters und Schriftstellers

Fernando Pessoa

 

Vor 125 Jahren – am 13. Juni 1888 – wurde in Lissabon Fernando Pessoa geboren. Und hier ist er auch gestorben: am 30. November 1935. Wer aber war Fernando Pessoa?  War er ein Hilfsbuchhalter mit Namen Bernardo Soares oder ein Schriftsteller und Dichter wie Alberto Caeiro oder Ricardo Reis oder Álvaro Campos? Oder war er alle – und noch mehrere? Diese Heteronyme, hinter denen sich Fernando Pessoa „verbirgt“, sind eines der großen Geheimnisse, die er der Nachwelt, der literarischen Öffentlichkeit und der Literaturwissenschaft hinterlassen hat.

Vor dem nicht zuletzt durch ihn selbst berühmt gewordenen Café „A Brasileira“ im Lissabonner Stadtteil Chiado gibt es eine Pessoa-Skulptur. Sie zeigt – wie auch die Bilder, die es von ihm gibt – einen etwas hageren Mann mit einem schmalen Schnurrbart, randloser Brille und breitkrempigem Hut. Unser Bild von Pessoa! Das Bild von einem der unergründlichsten Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts, der ein aufregendes poetisches Universum geschaffen hat. Ein portugiesischer Dichter von Weltrang und eine Schlüsselfigur der zeitgenössischen Dichtung.

„Ich bin auf vielfältige Weise anders als dieses eine Ich, von dem ich nicht  genau weiß, ob es existiert“, heißt es in „António Mora: Die Rückkehr der Götter“, einem zentralen Werk im literarischen und philosophischen Kosmos des Fernando Pessoa. Das Ich, das wir kennen oder zu kennen glauben, hat einen Großteil seiner Jugend in Südafrika verbracht. Nach seiner Rückkehr studierte Pessoa Literaturwissenschaft, später wurde er Handelskorrespondent in einem Lissabonner Kontor in der Baixa. Ein unauffälliges Leben, das er bis zu seinem Tode führen sollte.

Neben der recht prosaischen Existenz gab es ein zweites Leben – ein Leben, das der Literatur gewidmet war. Früh schon begann Pessoa Gedichte in englischer und portugiesischer Sprache zu schreiben. In einer Art Tagebuch sammelte er Notizen, machte er Aufzeichnungen; notierte er Reflexionen und Beobachtungen. Sie schrieb er dem Hilfsbuchhalter Bernardo Soares zu. Daraus sollte das berühmteste Buch des Fernando Pessoa werden: „Das Buch der Unruhe“. 

Erst 47 Jahre nach seinem Tode erscheint 1982 die erste Ausgabe dieses wohl „traurigsten Buches Portugals“, das zugleich ein Buch von ungeheurer poetischer Genauigkeit und des unerschütterlichen Glaubens an die Literatur und die Kunst ist. „Die Kunst aber kennt keine Enttäuschung, den die Täuschung ist von vornherein einkalkuliert“.

„Täuschung“ im pessoaschen Sinne sind auch seine anderen Bücher - weil von ihm und doch nicht von ihm. So das wunderbar poetische Werk von Ricardo Reis, der „am 29. Januar 1914 … in meiner Seele geboren wurde“ (Pessoa). Dessen Gedichte, vom Stoizismus und einem traurigen Epikureertum geprägt, gehören zu den größten Kostbarkeiten europäischer Dichtung.

Kollege Alberto Caeiro dagegen, den Pessoa seinen Meister nennt, hat empfindsame Naturgedichte geschrieben. Und Álvaro dos Campos, ebenfalls aus Pessoas Seele geboren, ist ein – wie er sich selbst nennt „dekadenter Heide aus der Herbstzeit der Schönheit, der Schläfrigkeit der antiken Klarheit, mystisch intellektuell von der traurigen Rasse der Neuplatoniker“. 

Als „Nachtrag zum „Buch der Unruhe“ kann und sollte auch gelesen werden: „Baron von Teive – Die Erziehung zum Stoiker“. „Die Selbstbespiegelung eines Individuums im Medium der Literatur und Philosophie habe ich immer für ein Zeichen mangelnden Anstands gehalten“, heißt es im „Teive“.

Sein Schaffen stellte Fernando Pessoa unter die Devise: „Sei vielgestaltig wie das Weltall!“ Das Buch „Genie und Wahnsinn“ – ebenfalls der berühmten „Truhe“ entrissen -  fasst Schriften zu einer intellektuellen Biographie zusammen, in dem sich der Dichter als Intellektueller von hohen Graden erweist, als ein genauer Kenner von Philosophie und Psychologie und als kunstvoller Kommentator. Einen ganz „anderen“ Pessoa wiederum finden wir in „Boca do Inferno: Aleister Crowleys Verschwinden in Portugal“. Pessoa war mit dieser okkulten Rätselgestalt „befreundet“. Durch diese Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, werden Rätsel gelöst, die ins Innerste von Pessoas Werk führen.

„Wer war Fernando Pessoa?“ hat auch Antonio Tabucchi gefragt, einer der besten Kenner des portugiesischen Dichters. Auch er „weiß“ es nicht. Allerdings hat er in seinen Arbeiten über Fernando Pessoa den Grundstein für eine Lesart gelegt, „die auf präpotente Interpretationen verzichtet, sondern vielmehr in der Lage ist, ihm auf dem Boden der Mutmaßungen zu folgen.“ 

So werden wir die Bücher von Fernando Pessoa lesen – und weiterhin „mutmaßen“ müssen, wer er wirklich war. Doch wir werden das mit Freude und Gewinn tun. Deshalb gehört Fernando Pessoa auch zu den „Hausgöttern“ der Lengfeld’schen Buchhandlung, die sich seiner Person und seinem Werk immer wieder in großartigen Lesungen gewidmet hat – und es sicher weiterhin tun wird.

© Günter Nawe