Grenzgänger und Dichter: Ernst-Toller-Preis für Christoph Ransmayr

Ransmayr Atlas
Christoph Ransmayr „Atlas eines ängstlichen Mannes"
S. Fischer Verlag
24,99 €

Alle zwei Jahre vergibt die Ernst-Toller-Gesellschaft diesen Preis für „besondere Leistungen im Grenzbereich von Literatur und Politik“. Nach Albert Ostermaier, Biljana Srbljanovic, Felix Mitterer, Juli Zeh, Günter Grass und Gerhard Polt wird in diesem Jahr der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr für sein Buch „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ausgezeichnet.

 

In der Begründung der Jury heißt es: „Die poetische Kraft und die Dichte des Erzählens in einer faszinierenden Sprache, oft vor dem Hintergrund politisch unfassbarer Verhältnisse, das ist es, was den Christoph Ransmayr auszeichnet.“ Und weiter: Ransmayr sei, wie Ernst Toller, „ein Grenzgänger und Dichter“; für den „Atlas eines ängstlichen Mannes – Eine Reise um die Erde in 70 Prosa-Bildern“ treffe dies in besonderer Weise zu.

Wir verweisen an dieser Stelle gern auf eine Rezension auf diesen Seiten. Christoph Ransmayrs Buch ist als „Unser Buch des Monats Februar 2013“ der Lengfeld’schen Buchhandlung besprochen worden. Der Roman „Atlas eines ängstlichen Mannes“ wird als „ein Buch des Staunens und immer wieder Erstaunens“ beschrieben; ein Buch, in dem sich keine „Geschichten ereignen“. Denn „Geschichten werden geschrieben“.

Geschichten – Originalton Christoph Ransmayr - „nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren Landschaften“. Das Buch „ist nicht nur das Dokument einer Reise durch geographische Räume, sondern auch durch Seelenräume und vor allem auch eine Reise durch meine Lebenszeit“.

Ransmayr hat wunderbare Geschichten auf einem hohen sprachlichen Niveau und mit großer inhaltlicher Tiefe geschrieben. Es hat etwas von dem, was Ernst Toller formuliert hat: „Alle Kunst hat magische Wirkung… Kunst erreicht mehr als den Verstand, sie verankert sein Gefühl“.  Auch unter dieser Maxime ist das Buch es wert, ausgezeichnet zu werden – und der Autor Christoph Ransmayr allemal.

© Günter Nawe

Christoph Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes. S. Fischer Verlag, 24,99 €

„Berge, Bücher und bitteres, braunes Bier“. Zum 250. Geburtstag von Jean Paul

Pfotenhauer Jean Paul
Helmut Pfotenhauer „Jean Paul. Das Leben als Schreiben"
Hanser Verlag
27,90 €

Unter den vielen eigenwilligen Schriftstellern, die die deutsche Literatur kennt, ist er sicher der eigenwilligste: Jean Paul (Richter) - geboren am 21. März 1763 in Wunsiedel, gestorben am 14. November 1825 in Bayreuth. Als kauziger Autor, literarisch angesiedelt zwischen Klassik und Romantik, ist er heute kaum noch bekannt – und noch weniger wird er gelesen. Und dennoch ist er es wert, dass sein 250. Geburtstag nicht nur mit Werkausgaben, großen Biographien und anderen Neuerscheinungen gefeiert wird. Vor allem ist er es wert gelesen zu werden.

Jean Paul wurde in einen ärmlichen fränkischen Pfarrhaushalt hineingeboren. Er besuchte das Gymnasium in Hof. Bereits mit 16 Jahren begann er zu schreiben – und sollte dies bis zu seinem Tode tun. 1781 geht er nach Leipzig, studiert Theologie. Dieses Studium bricht er bereits im gleichen Jahr wieder ab, geht zu seiner Familie nach Hof und beschließt, Schriftsteller zu werden. Später muss er seiner Schulden wegen nach Leipzig fliehen, kann aber bald wieder nach Hof zurückkehren. Vor der finanziellen Not allerdings wird er über viele Jahre hinweg nicht fliehen können. Das sollte sich erst ein wenig ändern, als er mit seinen Werken Erfolg hatte.

Der Starautor des 18./19. Jahrhunderts, wie sein Biograph Helmut Pfotenhauer ihn nennt, schrieb einst Bestseller, die so merkwürdige Titel hatten wie „Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal", „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs", „Flegeljahre" und „Leben des Quintus Fixlein"oder „Das Kampaner Tal oder Über die Unsterblichkeit der Seele". Bedeutende Romane sind der „Titan" und der „Komet".

Berühmt wurde Jean Paul in seiner Zeit vor allem durch den „Hesperus", ein Roman, dem der Abend- und Morgenstern seinen Namen gab, in dem ein gewisser Knef den „Herrn Berghauptmann Jean Paul!" in einem Brief bittet, sich als „Lebensbeschreiber einer ungenannten Familiengeschichte" zu betätigen, und ein Hund, namens Spitzius Hofmann, die Post bringt. Das hört sich – ähnlich wie in der Geschichte vom Schulmeisterlein Wutz - sehr idyllisch an. Der Vertreter der Aufklärung, der Politische Fastenprediger zwischen Französischer Revolution und Romantik und auf seine Weise auch Gesellschaftskritiker war alles andere als ein Idylliker – auch wenn manche seiner Werke dieses Schluss zuließen.

Alles in seinem Leben jedoch war dem Schreiben untergeordnet. Jean Paul war ein wunderbarer Fabulierer und brillanter Ironiker, ein Wörtererfinder und Sprachzauberer und ein äußerst eigenwilliger Stilist. Das macht die Lektüre seiner Bücher auf der einen Seite etwas schwierig, auf der anderen Seite besonders reizvoll und - gewinnbringend.

Der berühmte Romancier, von dem Hugo von Hofmannsthal sagte: „Die deutsche Dichtung hat nichts hervorgebracht, das der Musik so verwandt wäre, nichts so Wehendes, Ahnungsvolles, Unendliches.", hatte mit seiner Art der Literatur das klassische Weimar herausgefordert, er war der Star in den Berliner Salons um 1800. Und Jean Paul war der Liebling der Damenwelt („Ich besuchte keinen Gelehrtenklub..., aber Weiber die Menge"), geliebt und verehrt, oft verliebt, mehrmals verlobt – und letztlich einmal verheiratet. Eines seiner Lebenselixiere war übrigens das Bier, das er sein ganzes Leben lang trank. Neben Bergen und Büchern brauchte er ständig „bitteres, braunes Bier", wie er einmal bekannte.

Jean Paul kannte sie alle – die literarischen Berühmtheiten seiner Zeit: Goethe und Herder, Karl Philipp Moritz, Schiller und Schlegel u. v. a. Er war in Weimar und Berlin ein gefragter Gast. Man schätzte und kritisierte ihn. Die immense Belesenheit des Jean Paul und seine beinahe überbordenende Produktion von Werken unterschiedlichsten Art, oft gleichzeitig verfasst, gaben genug „Gesprächsstoff".

Lange Zeit war er dann aus dem literarischen Gedächtnis verschwunden. Erst die literarische Moderne hatte ihn um 1900 wiederentdeckt. Dabei blieb es allerdings. Jean Paul war und ist ein Autor für Schriftsteller, leider aber auch heutzutage kaum noch für Leser. Das mag an mangelnder Kenntnis von Leben und Werk liegen. Darauf kann man sich allerdings jetzt nicht mehr berufen. So hat Helmut Pfotenhauer eine neue, umfassende und vor allem lesenswerte Biographie vorgelegt („Jean Paul – Das Leben als Schreiben"). Für Pfotenhauer erschuf sich Jean Paul ein Tinten-Universum. Alles war, wie der Biograph nachweist, Schreiben: Familie, Frauen, Essen und Trinken. Pfotenhauer war viele Jahre Präsident der Jean-Paul-Gesellschaft und weiß sozusagen alles über Jean Paul. Seine Biographie erfüllt wissenschaftliche Anforderungen und besticht gleichzeitig durch hervorragende Lesbarkeit.

Von all dem wird Helmut Pfotenhauer am 17. März 2013 in der Lengfeld'schen Buchhandlung im Rahmen einer Jean-Paul-Feier aus Anlass des 250. Geburtstags erzählen - in einem Freundgespräch mit Holger Noltze. Bernt Hahn wird anschließend aus der „Selberlebensbeschreibung" Jean Pauls sowie aus dem „Aus dem Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal" lesen. Nähere Informationen hier

Wem dass noch nicht genug Jean Paul sein sollte (was wir wünschen wollen): Eine ebenfalls wunderbare Biographie hat Günter de Bruyn verfasst. Sie ist bereits vor ca. vierzig Jahren erschienen und liegt nun in einer Neufassung vor. De Bruyn versteht es auf herausragende Weise den Dichter und sein Werk im Kontext der Zeit darzustellen. Dem Biographen gelingt das, was er als Absicht in der „Vorrede zur Neufassung" erklärt hat: „...Nichtleser Jean Pauls an dessen Werk heranzuführen.". Und das auf unnachahmliche Weise und auch dank der hervorragenden Lesbarkeit seiner Biographie.

Auch auf ein anderes gerade erschienenes Buch ist hinzuweisen. Der Lilienfeld Verlag, in dem immer wieder wunderschöne Bücher erscheinen, hat unter dem Titel „Weltall im Krähwinkel" ein Jean-Paul-Lesebuch herausgegeben. Es ist in der vorzüglichen Zusammenstellung von Jean-Paul-Texten eine würdige Hommage an diesen solitären Autor. Es zeigt den Erzähler als Humoristen, dem Witz nicht fremd war, und als Romantiker. Das Buch ist in der Tat eine Verführung – zum Lesen und Weiterlesen.

Seine letzte Lebenszeit verbrachte Jean Paul, der 1804 nach Bayreuth gezogen ist, gern in der mittlerweile durch ihn zur Berühmtheit gelangten „Rollwenzelei"; ein Gasthof, in dem er schrieb und wo sein geliebtes „bitteres, braunes Bier" ständig verfügbar war. Gearbeitet hat der Schreibbesessene bis in seine letzten Tage hinein. Am 14. November 1825 stellte er dann aber fest: „Wir wollen's gehen lassen" und starb gegen 20 Uhr. Und so sei es erlaubt, an dieser Stelle einen der schönsten Sätze zu zitieren, die Jean Paul über das Schulmeisterlein Wutz geschrieben hat: „Wie war dein Leben und Sterben so sanft und meerstille, du vergnügtes Schulmeisterlein Wutz! Der stille laue Himmel eines Nachsommers ging nicht mit Gewölk, sondern mit Duft um dein Leben herum:deine Epochen waren die Schwankungen und dein Sterben war das Umlegen einer Lilie, deren Blätter auf stehende Blumen flattern – und schon außer dem Grabe schliefest du sanft!"

© Günter Nawe

Helmut Pfotenhauer, Jean Paul. Das Leben als Schreiben. Carl Hanser Verlag, 27,90 €

Weltall im Krähwinkel. Ein Jean-Paul-Lesebuch. Lilienfeld Verlag, 21,90 €

Günter de Bruyn, Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. S. Fischer Verlag, 21,99 €