"Ich lebe am Rande des Universums"

Neuseeländische Literatur - eine Auswahl

Neuseeland

Für den literarischen Ruhm Neuseelands hat in erster Linie Katherine Mansfield gesorgt. Mit ihren wunderbaren Erzählungen, die jetzt in einer sehr schönen zweibändigen Ausgabe erneut erschienen sind, hat sie uns ihre Erinnerungslandschaft nahe gebracht. Und eine weitere neuseeländische Autorin – Keri Hulme – hat sich in unser literarisches Gedächtnis eingeprägt. Mit ihrem Roman „Unter dem Tagmond“ hat sie nicht nur Weltruhm erlangt, sondern auch unser Bild von Neuseeland und seiner Literatur maßgeblich beeinflusst. Zu nennen ist weiterhin Anthony McCarten, dessen „Ganz normale Helden“ zu den wichtigsten Büchern gehört. So hat Neuseeland einen eigenen, einen angemessenen Platz auf der literarischen Weltkarte. Seine Vertreter „…leben (zwar) am Rande des Universums“, wie es der neuseeländische Dichter Bill Manhire einmal formuliert hat; und dennoch in seiner Mitte.

Mehr vom Rand des Universums, aus dem entlegensten Winkel unserer Welt erfahren wir jetzt dadurch, dass Neuseeland Gastland der Frankfurter Buchmesse 2012 ist. Deutsche Verlage bieten eine Fülle von interessanten Büchern, zum Teil erstmals in deutscher Sprache, und erweitern auf diese Weise unseren literarischen Horizont. Sie alle verdienten es, hier vorgestellt und vor allem gelesen zu werden. Wir müssen uns an dieser Stelle und aus gegebenem Anlass jedoch auf eine Auswahl beschränken, die zudem noch sehr subjektiv ist. Dennoch hoffen wir, Leser für den einen und anderen Titel zu gewinnen.

Zu den bedeutenden Autoren gehört Janet Frame (1924-2004), die mit „Ein Engel an meiner Tafel“ (der Titel rekurriert auf einen Rilke-Vers) eine faszinierende Autobiographie – geschrieben 1990 – vorgelegt hat. Janet Frame war eine der eigenwilligsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts und sicher eine der wichtigsten Schriftstellerinnen vom „anderen Ende der Welt“.  Sie erzählt eine dramatische Lebensgeschichte mit vielen traumatischen Ereignissen und furchtbaren, erschütternden Erlebnissen. Eine Mischung aus Hochgefühl und endloser Traurigkeit, aus Freude und tiefer Verzweiflung zieht den Leser ungeschützt in den Bann. Janet Frame erlitt das Leben und erlebte die Kraft der Literatur. Auf sehr beeindruckende Weise lässt sie uns an ihrem Schicksal teilhaben – und am Gewinn, den Literatur auf so vielfältige Weise verspricht.

Neuseeland, das sind Kiwis, Schafe, vorwiegend englische Siedler, Einwanderer und – die Maori, die Ureinwohner eines Landes der „Langen Weißen Wolke“, das indigene Volk. Ein Volk mit vielen Mythen und Legenden und einer sehr hohen Kultur, die immer mehr in den Hintergrund trat. Erst spät kommt es zu einer Art Renaissance und zu einer Aufarbeitung der Geschichte der Maori. Davon erzählt Paula Morris in ihrem Buch „Rangatira“. Sie erzählt von ihrem Vorfahren, dem Häuptling Paratene Te Manu, der wiederum seine Lebensgeschichte einem Maler erzählt, dem er Modell sitzt. Der alte Maori-Häuptling Paratene Te Manu erinnert sich an eine spektakuläre Reise einer Delegation von Maoris im Jahre 1863 nach England. Das Buch handelt auf sehr anschauliche und sehr einfühlsame Weise von vielen schönen Erlebnissen wie unter anderem einem Empfang bei der Queen. Weniger schön und vielfach sehr erniedrigend war die Zurschaustellung der Maori als Wilde, als Kämpfer. Diese „Wilden“ aber streben in der ihnen so fremden westlichen Welt nach Akzeptanz ihrer Kultur, nach Ansehen und Macht. – Paula Morris hat einen aufregenden historischen Roman geschrieben, authentisch, facettenreich und von hoher literarische Qualität.

Einem neuseeland-fremden Thema hat sich die in Berlin lebende neuseeländische Literaturwissenschaftlerin  und Schriftstellerin Sarah Quigley gewidmet. Ihr Roman „Der Dirigent“ erzählt von Dmitri Schostakowitsch, von seiner berühmten „Siebten Symphonie“, deren Uraufführung im von den Deutschen belagerten Leningrad zu einem dramatischen Ereignis wird. Und damit erzählt Sarah Quigley - sie liebt die Musik und spielt selbst Klavier und Cello - von der Macht und Kraft der Musik, gerade in Zeiten der Unfreiheit, der Barbarei und der Not. Am deutlichsten dargestellt in der Person des  Dirigenten Karl Eliasberg, Chef eines wenig bedeutenden Orchesters, dem plötzlich die Uraufführung dieser Symphonie anvertraut wird. Er, der Schostakowitsch zugleich  bewundert und hasst, wird seine frierenden und hungernden Musiker zu grandioser Höchstleistung bringen. Ein Roman, der den Leser ein Stück russischer Geschichte erleben lässt und vielleicht ein neues Verständnis für das Werk des großen Komponisten, dessen Symphonie als CD parallel zur Lektüre gehört werden kann, weckt. Ein Buch, das bewegt und anrührt.

Das tut auch ein anderes Buch: Die Familiengeschichte über fünf Generationen von Müttern und Töchtern – erzählt von Beryl Fletcher. Die Autorin ist heute eine der wichtigsten und bedeutendsten Schriftstellerinnen Neuseelands und ist unter anderem mit dem „Commonwealth Writer’s Price“ ausgezeichnet.  - Alice, als Mädchen von London nach Neuseeland „verschickt“, berichtet einer jungen Historikerin ihre Geschichte. Von schwerer Kindheit ist die Rede, von Verletzungen, von Not und Elend und dem dennoch ungebrochenen Mut, dieses Leben zu meistern. Eine Geschichte voller Geheimnisse, voller Fragen, was „Pixels Ahnen“ (so der Titel des Romans) betrifft. Was Ende des 20. Jahrhunderts angefangen hat, findet in der Gegenwart sein gutes Ende. Alice Tochter Joy hat inzwischen selbst recherchiert und von einem Detektiv und einer Computerhackerin recherchieren lassen. So kommt eines zum anderen, und der wunderbare Roman bekommt eine faszinierende Vielstimmigkeit und eine überzeugende literarische Qualität.

Überzeugend auf andere Weise ist auch der neuseeländische Autor David Ballantyne. Sein Roman „Sydney Bridge Upside Down“ hat den Charakter eines psychologischen Thrillers. Das Buch – bereits 1968 erschienen– liegt jetzt erstmals auf Deutsch vor und dürfte zu den ganz großen literarischen Entdeckungen dieses Buchherbstes gehören. Der Roman spielt in einer abgelegenen Hafenstadt, an einem Schauplatz am Rande der Welt, an dem auch der jungen Ballantyne gelebt hat. Sein Held ist der dreizehnjährige Harry Baird, Typ Tom Sawyer, der, nachdem die Mutter die Familie verlassen hat, mit Vater und Bruder Tage und Wochen voller Einsamkeit verbringt. Mit den wenigen Freunden wird die Landschaft erkundet und ein verlassener Schlachthof, das Wahrzeichen des Ortes Calliope Bay. Bald wird sich herausstellen, dass sich dahinter furchtbare Geheimnisse verbergen. Schreckliche Dinge sind hier passiert. Davon wissen vor allem ein alter Mann und sein Pferd mit dem eigenartigen Namen Sidney Bridge Upside Down. Und noch etwas beschäftigt den Jungen sehr. Seine ältere Cousine Caroline, ein erotisch aufgeladener Babysitter, bricht in seine Welt ein – und damit die Liebe. Ihr ist er verfallen. Obwohl sie für Caroline nur ein oberflächliches Spiel ist, für Harry wird sie zu Obsession. So ist diese kleine Welt alles andere als heil. Und aus Kinderspielen wird verwirrender, gefährlicher Ernst – mit schrecklichen Konsequenzen.

© Günter Nawe

Bibliographie:

Janet Frame, Ein Engel an meiner Tafel. C.H. Beck Verlag, 19,95 €

Paula Morris, Rangatira. Walde & Graf, 22,95 €

Sarah Quigley, Der Dirigent. Aufbau Verlag, 22,99 €

Beryl Fletcher, Pixels Ahnen. edition fünf, 19,90 €

David Ballantyne, Sydney Bridge Upside Down. Hoffmann & Campe, 19,99 €