William Faulkner: „Als ich im Sterben lag"

Leichenzug durch Yoknapatawpha County.
Vor 50 Jahren starb William Faulkner

William Faulkner
William Faulkner: „Als ich im Sterben lag"
Rowohlt Verlag Reinbek
19,95 €

„Als ich im Sterben lag" - William Faulkner, Schriftsteller, Literatur-Nobelpreisträger (1949), Alkoholiker, hielt seinen 1930 geschriebenen Roman für sein bestes Werk. Und wir, seine Leser, sind geneigt, ihm zuzustimmen. Der Roman ist ein nicht ganz einfaches Buch, aber ein geniales. Und ein in jeder Hinsicht modernes.

Faulkner, einer der größten amerikanischen Autoren, erzählt von Addie Bundren, einer armen Farmersfrau, die stirbt, was sie eigentlich ganz gelassen hinnimmt. „Ich erinnere mich, dass mein Vater immer sagte, der Sinn des Lebens sei, sich bereit zu machen für ein langes Totsein", heißt es in einem eindrucksvollen Monolog der Sterbenden. Addie reflektiert über ihr armseliges Leben und kommt zu bemerkenswerten Erkenntnissen. „Und dass Sünde und Liebe und Furcht nur Geräusche sind, welche die Menschen, die nie sündigten oder liebten oder fürchteten, anstelle dessen besitzen, was sie nie hatten oder nie haben werden, ehe sie nicht die Wörter vergessen."

Diese Frau ist eine der beeindruckendsten Figuren im großen Werk des großen William Faulkner. Der Autor wurde am 25. September 1897 in New Albany, Mississippi, geboren; am 6. Juli 1962, vor 50 Jahre, ist er in Byhalia, Mississippi, gestorben. Nach der Tätigkeit als Bankangestellter, Mitarbeiter in einem Waffengeschäft und als Soldat wurde er Buchhändler und schließlich Leiter einer Poststelle. Angeregt durch die Bekanntschaft mit Sherwood Anderson begann der junge Faulkner in den 20-iger Jahren zu schreiben.

Thema war und sollte es bleiben: seine ländliche Heimat, der amerikanische Süden, das fiktive Yoknapatawpha County, das auch der Schauplatz des Romans „Als ich im Sterben lag" ist. In 49 Kapiteln erzählen 15 Personen, Addie selbst, ihr Mann Anse, Angehörige, Nachbarn und die fünf Kinder vom Sterben und vor allem von der Beerdigung. Hatte sich doch Addie Bundren gewünscht, in Jefferson begraben zu werden, im Grab ihrer Eltern. Sie war zu Lebzeiten bestimmend, beherrschend für diese Familie - und sollte es über den Tod hinaus bleiben.

Das „Vermächtnis" der Addie Bundren hat Folgen, als wolle sie der Familie auch nach dem Tode noch das Fürchten lehren. Dieses Begräbnis und vor allem die mehrere Tage dauernde Reise und der Leichenzug nach Jefferson werden zu einer Höllenfahrt, zu einer Reise mit Hindernissen, zu einer Groteske. „Ich hatte von vornherein die Absicht, eine Tour de Force zu schreiben. Bevor ich überhaupt die Feder ansetzte und das erste Wort schrieb, wusste ich, wo ich den letzten Punkt setzen würde. Bevor ich anfing, sagte ich mir, ich will ein Buch machen, mit dem ich stehe oder falle, und wenn ich nie wieder Tinte anrühren soll".

William Faulkner fiel nicht. Und so reist die tote Addie Bundren auf einem wackligen Maultierkarren in die Ewigkeit. Mittlerweile beginnt die Leiche zu stinken, der gerade mal so zusammengezimmerte Sarg ist sehr instabil, das Gespann, auf dem die Leiche transportiert wird, geht irgendwie verloren. Hochwasser bringt eine Brücke zum Einsturz. Der einfältige Sohn Cash bricht sich ein Bein, das mit Zement „geschient" wird; Sohn Darl wird zum Brandstifter, Tochter Dewey Dell verliert das Geld für eine Abtreibung, Jewel, der cholerische Pferdenarr, ist mit von der Partie und der Jüngste, Vardaman. Und Anse, Addies Mann, der neue Zähne braucht und eine neue Frau. Was für eine Familie - und welch eine tragikomische Geschichte.

Dieser vielstimmige, äußerst kunstvoll konstruierte Romans, in dem jede einzelne Stimme ihre eigene Bedeutung hat, die sich als charakteristisch zeigt und doch wie in einen Chorus einfügt, ist ein Art Vexierbild und - wenn man so will - ein Totentanz.

Auch William Faulkners Leben war so eine verrückte, eine abenteuerliche Reise. Er hat getrunken (von einer Flasche Whisky täglich ist die Rede), allerdings nicht während der Schaffensphasen, er hatte Affären, reiste durch Europa und Südamerika - und schrieb. Romane wie „Schall und Wahn" (1929); „Die Freistatt" (1931) und „Licht im August" (1932), um nur einige der neunzehn zu nennen. Dazu etwa hundert wunderbare Erzählungen.

Es waren die Südstaaten, die er als große „Südstaaten-Saga" exemplarisch gestaltete. Er formulierte literarisch die Rassenprobleme, die Unterschiede zwischen arm und reich in der Gesellschaft des Südens, den verlorenen Bürgerkrieg und seine Folgen. William Faulkner hat einst davon geträumt, „etwas zu vollbringen...etwas Kühnes, Tragisches, Strenges". Am Ende konnte er resümieren: „Ich stelle mir die Welt, die ich geschaffen habe, gern als eine Art Schlußstein im Universum vor; als ein Schlußstein, den ... man nicht entfernen kann, ohne daß das Universum einstürzt....". Es ist ihm gelungen.

„Gestürzt" allerdings ist auch Willam Faulkner - und zwar vom Pferd, bei einem Ausritt. An den Folgen, oder war es ein Herzinfarkt?, starb der Dichter am 6. Juli 1962.
Gestorben ist auch Addie Bundren in dem wundervollen Roman „Als ich im Sterben lag", der jetzt in einer neuen, außerordentlich schönen Übersetzung von Maria Carlsson vorliegt. Und so lebt auch sie - wie ihr Autor - weiter in jedem Leser, der dieses Buch aufschlägt.

© Günter Nawe

William Faulkner: „Als ich im Sterben lag"
Rowohlt Verlag Reinbek, 19,95 €