Zum 300. Geburtstag von
Jean-Jacques Rousseau

„Die natürliche Güte des Menschen“

Jean-Jacques Rousseau
Jean-Jacques Rousseau

Er war mit Sicherheit eine der schillerndsten Figuren unter den Philosophen der Aufklärung: Jean-Jacques Rousseau. Er wurde verehrt, und er wurde gehasst, seine Schriften wurden verrissen, verbrannt und hochgelobt. An ihm schieden sich die Geister. Mit seinen Kollegen, gegen deren Atheismus er seine Gottgläubigkeit stellte, war er zeitweise heillos zerstritten. Sie waren im Umgang miteinander ohnehin nicht sehr zimperlich. Und es muss auch nicht erstaunen, dass sein Werk auch auf dem Index der katholischen Kirche landete. Und doch war Jean-Jacques Rousseau einer der einflussreichsten und wirkungsvollsten Autoren der Philosophiegeschichte und der Weltliteratur. Vor dreihundert Jahren, am 28. Juni 1712, in Genf geboren, starb er am 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris.

Jean-Jacques Rousseau war zugleich Romantiker und Revolutionär, Abenteurer und Träumer. Und dies in einer Welt voller Widerstände. Er gilt als geistiger Wegbereiter der Französischen Revolution, er hat den romantischen Protest gegen die Aufklärung formuliert. Ihm schreibt man fälschlicherweise den Satz „Zurück zur Natur" zu, wenngleich er eine Art Naturreligiosität praktizierte. Seine Vorstellung von einer idealen, natürlichen Landschaft hat er unter anderem in einem seiner berühmtesten Bücher, dem Briefroman „Nouvelle Héloïse" (1761), beschrieben.

Der Zerfall der Gesellschaft und die Ungerechtigkeit waren ein anderes großes Thema. Mit seinem berühmten „Gesellschaftsvertrag" (Contrat social), seiner Auffassung von einem modernen Staatswesen - er wurde direkt nach Erscheinen verboten, der Verfasser sollte verhaftet werden - wollte er den Einzelwillen eines jeden Menschen zu einer Art „Gesamtwillen" zusammenfügen. Der Mensch, der von sich aus gut sei, ist zudem frei geboren, liege aber in Ketten. - Es sind immer wieder sehr griffige Formulierungen, in die der Philosoph Rousseau, der keiner sein wollte, seine Erkenntnisse einbrachte.

Seinen Einfluss übte Jean-Jacques Rousseau nicht nur in staatsrechtlicher Hinsicht aus. Auch seine kulturellen und erzieherischen Vorstellungen („Emile oder die Erziehung") haben Spuren in der gesamten europäische Geistesgeschichte hinterlassen; vor allem der „Emile" - ein pädagogisches „Konzept", geschrieben von einem Manne, der seine fünf Kinder direkt nach der Geburt in ein Findelhaus gab, weil er sich ihrer Erziehung nicht fähig sah.

Eine eigentliche Erziehung genoss Jean-Jacques Rousseau selbst nicht. Die Mutter stirbt im Kindbett, der Vater kümmert sich nicht um ihn. Eine Schule besucht er nie. Stattdessen Prügel und Missachtung. Wo war die später vom Philosophen gelehrte „natürliche Güte des Menschen"? Er hat sie wohl nie so richtig erfahren.

Eine Lehre bricht er ab, verlässt seine Geburtsstadt Genf in Richtung Paris. Hier lernt er die wesentlich ältere Madame de Warren kennen, die ihm über Jahre hinweg eine Art Mutter und Geliebte sein sollte. Der Calvinist wird Katholik (er sollte seine Konfession später wieder wechseln). Rousseau verdingt sich als Hauslehrer und später als Botschaftssekretär in Venedig. Inzwischen hat er Kontakt mit den Philosophen aufgenommen. 1745 beginnt er ein Verhältnis mit Marie-Thérèse Levasseur, die ihm fünf Kinder gebären und die er dreiundzwanzig Jahre später heiraten wird.

Es erscheinen die ersten Werke: Musikartikel, ein Singspiel, Diskurse. Rousseau wird Mitarbeiter an der „Enzyklopädie" von d'Alembert und Diderot. Er schreibt über die „Ungleichheit unter den Menschen" und über politische Ökonomie. Die „Nouvelle Heloïse" erscheint und der „Contrat social", wird in Genf verboten und verbrannt. Verbrannt wird in Paris auch der „Emile". Rousseau wird per Haftbefehl gesucht und befindet sich zeitweise regelrecht auf der Flucht.

Ein sehr unstetes Leben, das ihn, von David Hume eingeladen, nach England führt. Bald sollte er sich auch mit ihm zerstreiten. Er publiziert ein „Wörterbuch der Musik", kehrt nach Paris (1770) zurück, vollendet die „Bekenntnisse", fand auf der Īle de Saint Pierre Zuflucht, beginnt hier die „Träumereien" und zog später nach Ermenonville, wo er 1778 plötzlich starb. Frankreich ehrte ihn mit der Überführung seines Leichnams in das Pantheón.

Wer war Rousseau und wie sah er sich selbst? "Bis ich vierzig war, war ich klug, mit vierzig Jahren griff ich zur Feder, und ehe ich fünfzig bin, lege ich sie nieder und verfluche an jedem Tag meines Lebens jenen Tag, als mein törichter Stolz mich zur Feder greifen ließ und ich sah, wie sich mein Glück, meine Ruhe, meine Gesundheit in Rauch auflösten...". So ernst mag ihm allerdings dieses Bekenntnis nicht gewesen sein. Und nicht uneitel hat er in einem Brief von 1761 formuliert: er sei „...fest davon überzeugt, dass von allen Menschen, die ich in meinem Leben gekannt habe, keiner besser war als ich."

Ganz im Stile des großen Augustinus entstanden in den Jahren 1765-1770 die berühmt gewordenen „Bekenntnisse", von denen Rousseau sagte „Ich plane ein Unternehmen, das kein Vorbild hat und dessen Ausführung auch niemals einen Nachahmer finden wird." Er „wollte einen Menschen in aller Wahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich sein". Gelungen ist ihm mit dieser radikalsten Ich-Schau der Moderne eine Art Meilenstein in der autobiographischen Literatur. Auch war Jean-Jacques Rousseau ein brillanter Verfasser von Briefen (zum Beispiel an Malesherbes), aus denen wir viel über den Denker und Menschen Rousseau erfahren.

Ein Werk der Selbstvergewisserung sind auch - wie der Titel einer neuen Übersetzung lautet - die „Träumereien eines einsam Schweifenden". Dieses Buch wird in Kürze in einer hervorragenden Neuübersetzung erscheinen. Noch einmal also wagt es der 64-Jährige, sein philosophisches Leben, das er letztlich - wie Heinrich Meyer in seinem außerordentlichen Buch beschreibt - als ein „glückliches" denkt. Es ist sein letztes und sein gewagtestes Werk.

Jean Starobinski hat einmal geschrieben, dass man den Philosophen und Antiphilosophen nehmen müsse, „wie er sich gibt, in der Verschmelzung von Existenz und Idee". Und Rousseau? „Ich sah eine andere Welt", heißt es in einem seiner Briefe. Eine Welt, die sich auch für den heutigen Leser zu erkunden lohnt.

© Günter Nawe

Die Werke von Jean-Jacques Rousseau sind in verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich. Das gilt auch für drei bedeutende Neuerscheinungen von und über Rousseau:

Jean-Jacques Rousseau: „Träumerei eines einsam Schweifenden"
Matthes & Seitz Berlin, 250 Seiten, 19,90 €

Jean-Jacques Rousseau: „Ich sah eine andere Welt. Philosophische Briefe.“
Hanser Verlag München, 400 Seiten, 27,90 €

Heinrich Meier: „Über das Glück des Philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Rêveries.“
C. H. Beck, 445 Seiten, 29,95 €

James Joyce:
„Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“

„Ich will nicht dem dienen, woran ich nicht länger glaube…“ Zur neuen Übersetzung des Romans.

Joyce Portrait
James Joyce: „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“
Manesse Verlag
24,95 €

Sein besonderes „Verhältnis" zu James Joyce hat Friedhelm Rathjen 2004 mit einer großartigen Monografie über den irischen Dichter unter Beweis gestellt. Bereits damals glänzte er durch die kongenialen Übersetzungen von Passagen aus dem schwierigen und komplexen Werk des James Joyce.

Es ist die Fähigkeit des Übersetzers, Literaturwissenschaftlers und Autors Rathjen, sich auf den Sprachstil des James Joyce brillant einzustellen. Auch sein tiefes Verständnis für das Werk ermöglicht es ihm, Übersetzungen anzufertigen, die stilistisch und inhaltlich dem Original weitestgehend entsprechen. Ein Beispiel auch James Joyce „Geschichten von Shem und Shaun", drei Geschichten aus „Finnegans Wake", die Friedhelm Rathjen übersetzt hat und die gerade erschienen sind. Als glänzender Übersetzer erwies sich Rathjen ebenfalls von Werken anderer Autoren wie Herman Melville, Robert Louis Stevenson und Mark Twain.

Jetzt also James Joyce und dessen Roman „Das Porträt eines Künstlers als junger Mann", von Friedhelm Rathjen auf Grundlage der von Hans Walter Gabler edierten textkritischen Garland-Ausgabe von 1993 übersetzt.

Dieser Roman ist 1916 erschienen und markiert den Beginn der literarischen Moderne. Joyce beschreibt in diesem außergewöhnlichen Bildungs- und Entwicklungsroman auf faszinierende Weise den Werdegang des jungen Stephen Dedalus. Und er erzählt ihn aus der Perspektive des jungen Helden, ohne dass der autobiografische Hintergrund des James Joyce übersehen werden kann.

Als junger Mann ist Stephen Dedalus den Einflüssen und Einreden der Erwachsenen, des Vaters, der Lehrer und Priester ausgeliefert. Er durchläuft einen schmerzhaften Prozess der Bewusstseinsbildung, geprägt von existenziellen Ängsten und Schuldgefühlen. Er erleidet die Wirrnisse und Verstrickungen der Pubertät und Sexualität, erlebt die eine repressive katholische, jesuitische Erziehung und wird mit den innenpolitischen Problemen Irlands konfrontiert.

„Ich will nicht dem dienen, woran ich nicht länger glaube, nenne es sich nun mein Zuhause, mein Vaterland, meine Kirche...". Am Ende wird er Stephen Dedalus den Weg in die Freiheit, in seine Freiheit gefunden haben - dank seines Mutes, seines Eigensinns, kritischer Fähigkeit und Raffinesse. Er wird seine Heimat Irland - wie James Joyce auch - verlassen und sich in Zukunft der Kunst widmen.

Mit diesem Roman hat James Joyce in vielerlei Hinsicht sein großes Werk, den „Ulysses" vorbereitet. Zum ersten Mal kommt im „Porträt" der „Bewusstseinsstrom" (stream of consciousness), diese Radikalisierung des inneren Monologs, zur Anwendung. Ein stilistisches Mittel, das Schule machen sollte. Es verleiht dem Roman ein hohes Maß an Authentizität, an Tiefe und Unmittelbarkeit.

Dies kommt auf hervorragende Weise in der Übersetzung des vorliegenden Romans „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" zum Ausdruck. Leser, die den Roman bereits in früheren Übersetzungen (Goyert und Reichert) gelesen haben, werden durch die Rathjen-Übersetzung dieses Buch ganz neu lesen: so frisch, so modern und aufregend ist die Lektüre. Nicht überlesen werden sollte auch das informative und kenntnisreiche Nachwort von Marcel Beyer.

In einer Veranstaltung in der Lengfeld'schen Buchhandlung am 20. Juni 2012 (siehe HIER) kann sich der Leser davon überzeugen. Friedhelm Rathjen wird seine Übersetzung in Vortrag und Gespräch vorstellen.

© Günter Nawe

James Joyce: „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“
Manesse Verlag, 24,95 €