August Strindberg zum 100. Todestag

August Strindberg – ein Künstlerleben.
Zwei Neuerscheinungen.

Strindberg Zimmer
August Strindberg: „Das Rote Zimmer“
Manesse Verlag
571 Seiten, 24,95 €

Ein Satz aus den „Notizen eines Zweiflers": „Am 22. Januar (1849 - G. N.) bin ich geboren. Francis Bacon und Lord Byron auch. Ich wohne Tomesgatan 22 und komme wohl nie wieder von hier weg. 22 Buchstaben hat das hebräische Alphabet". So eine der teilweise kryptischen, enigmatischen Notizen in den „Schriften aus dem Nachlass". Oder: „Das Leben ist ein Scherz mit dem Menschen, aber ein ernster Scherz, mit dem der Mensch keine Scherze machen darf, denn es wird gleich purer Ernst...".

August Strindberg hat mit dem Leben „Scherze" gemacht - und es wurde purer Ernst. Er lebte ein Künstlerleben mit allen Höhen und Tiefen, mit Erfolgen und Misserfolgen,
Dieser unruhige und unstete Geist, dieser „internationale Vagabund" war vieles nacheinander und vieles zugleich. Er war ein blendender Journalist, er wurde Atheist, er war ein Frauenverächter und den Frauen zugleich verfallen. Er war Philosoph und Psychologe, beschäftigte sich mit religiösen Themen bis hin zum Mystischen und Okkulten und sehr ernsthaft mit Naturwissenschaften. Am Ende war er auch ein wenig schizophren und ein Paranoiker. Vor allem aber er war Literat, Schriftsteller. Nach einem Zitat aus dem sicher autobiografisch zu lesenden Roman „Das Rote Zimmer" hat er „alles Bisherige abgebrochen... und aufgegeben; ich möchte bloß hinzufügen, dass ich Literat zu werden gedachte".

Er wurde es und konnte so ziemlich alles, was literarisch machbar war: Drama und Komödie, Satyr- und Kammerspiel, Roman und Novelle, Märchen, Fabel und Gedicht - August Strindberg, der am 14. Mai 1912, also vor 100 Jahren gestorben ist. Mit dem Roman „Das Rote Zimmer", erschienen 1879 und jetzt neu aufgelegt, gelang ihm der literarische Durchbruch. Strindberg wurde zum „Erfinder" der literarischen Moderne in Schweden. Mit seinem ersten Roman, mit der autobiografischen Figur des Arvid Falk wird die Desillusionierung eines Idealisten durchgespielt. Sein Gegenspieler, der Großhändler Carl Nicolaus Falk, ist der Repräsentant der Stockholmer Oberschicht. Er steht für Intriganz und Egoismus, für Korruption, Machtdünkel und Manipulation.

So ist dieser Roman großartige Gesellschaftskritik und ein Soziogramm der verschiedenen Kreise - hier bürgerliches, da Künstlermilieu. Und beides ironisch, teilweise parodistisch zugespitzt, raffiniert konstruiert und brillant erzählt. Ein Roman, der auch heute noch nicht nur gut lesbar ist (vor allem dank der hervorragenden Übersetzung durch Renate Bleibtreu), sondern in hohem Maße aktuelle Bezüge aufweist.

Mit diesem Frühwerk „Das Rote Zimmer", diesem literarischen Durchbruch, begann die Strindbergsche Erfolgsgeschichte mit „Romantischen" und „Naturalistischen Dramen" und mit Königsdramen, mit Romanen wie „Die Inselbauern" und „Schwarzen Fahnen" sowie dem wunderbaren, sehr poetischen Schärenroman „Die Leute auf Hemsö", mit großartigen Novellen wie „Heiraten. Zwanzig Ehegeschichten" und „Das Inselmeer", mit „Historischen und Schwedischen Miniaturen", mit den autobiografischen Schriften „Sohn einer Magd", „Die Beichte eines Toren" und „Inferno: Legenden". Dazu kamen Gedichte und wissenschaftliche Arbeiten.

Weniger erfolgreich stellt sich sein Leben dar. Beruflich scheiterte August Strindberg mehrfach: sein Buch „Das neue Reich" wurde zu einem Skandal, seine Novellen-sammlung „Heiraten" brachte ihm eine Anklage wegen Gotteslästerung ein. Seine Ehen waren - nicht zuletzt durch sein höchst ambivalentes Verhältnis zu Frauen - Katastrophen. Es gab psychische Krisen und Krankheiten und psychotische Störungen zuhauf. Seine vielen Reisen durch Europa waren immer auch kleine Fluchten - meist vor sich selber. Und: Strindberg war - wie Peter Schütze schreibt - „ein rastloser Wanderer auf dem geistesgeschichtlichen Globus...".

Dies alles hat Einfluss auf sein Werk gehabt, das immer zwischen Wahn und Wirklichkeit oszilliert, dessen Themen der Kampf der Geschlechter und das „Verhängnis von Schuld und Strafe" waren. Ein Werk, das ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller Schwedens werden ließ. Er genoß europaweit Ansehen und hatte und hat weltliterarische Bedeutung. - nicht zuletzt aufgrund der bis heute gültigen Modernität seines Werks..Fontane wusste über ihn zu sagen: „Ein furchtbarer Mann, dieser Strindberg, aber doch von einem so großen Talent, daß man seinem Unmut, Ärger und Ekel immer wieder erschüttert wird." Franz Kafka urteilt: „Der ungeheure Strindberg. Diese Wut, diese im Faustkampf erworbenen Seiten."

„Notizen eines Zweiflers" sind kein abgeschlossenes „Werk", sondern Schriften aus dem Nachlass, „Blätter aus dem ‚Grünen Sack'", von dem der Autor August Strindberg gern sprach. Es sind handschriftliche Aufzeichnungen des späten Strindberg, die jetzt in einer durch Renate Bleibtreu - sie hat dem Buch auch ein sehr informatives Nachwort angefügt - herausgegebenen Übersetzung erstmals auf Deutsch erschienen sind. Zu lesen sind Werkstattnotizen, Eindrücke, Sentenzen, kleine novellenartige Geschichten, psychologische Pointen und Aphorismen. Manches bleibt für den Leser rätselhaft, ist gleichwohl von poetischem Reiz. Widersprüchliches steht oft neben Eindeutigem. Insgesamt ein hochinteressantes, aber auch ein etwas sprödes „Werk".
Unter dem Titel „Strindberg zu ehren" haben das Literaturhaus Köln, die Herausgeberin Renate Bleibtreu und der Berenberg Verlag diesem Buch und seinem Autor einen würdigen Nachmittag gewidmet

In diesen „Notizen eines Zweiflers" heißt es an einer Stelle: „Wer kein Land mehr sieht auf Erden, mache es wie der Seemann auf dem Meer: lote den Himmel aus und segle mit den Sternen." Und mit dem folgenden Satz charakterisiert sAugust Strindberg in gewisser Weise sich selbst: „Er kämpft gegen Hässlichkeit, Unvernunft, Bosheit, Grausamkeit und Ungerechtigkeiten. Glaubt an die Macht der Liebe, zweifelt einen Augenblick, und hasst."

©  Günter Nawe

August Strindberg: „Notizen eines Zweiflers. Schriften aus dem Nachlass.“
Aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu.
Berenberg Verlag, Berlin, 318 Seiten, 25,- €

August Strindberg: „Das Rote Zimmer. Roman.“
Aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu.
Manesse Verlag, Zürich, 571 Seiten, 24,95 €