Iwan A. Gontscharow: „Oblomow"

Ein überflüssiger Mensch oder Das Lob der Faulheit

Oblomow
Iwan A. Gontscharow: „Oblomow"
Carl Hanser Verlag
34,90 €

Immer wieder gab und gibt es in letzter Zeit bemerkenswerte neue Übersetzungen großer Werke der Weltliteratur. Großartige Übersetzerinnen und Übersetzer haben die jeweiligen Werke nicht nur kongenial übertragen, sondern zugleich ein neues Verständnis und eine wunderbare Lesbarkeit des Werks ermöglicht. Genannt seien stellvertretend für noch viele andere die Dostojewski-Übersetzungen der Swetlana Geier, Tolstois „Krieg und Frieden" von Barbara Conrad, die „Anna Karenina" von Rosemarie Tietze. Hartmut Köhler hat Dantes „Göttliche Komödie" hervorragend neuübersetzt, Barbara Kleiner Italo Svevos „Zenos Gewissen" und Melanie Walz „Große Erwartungen" von Charles Dickens.

In diese Reihe ist auch Vera Bischitzky zu stellen, die jetzt eine grandiose Neuübersetzung des „Oblomow" von Iwan Gontscharow vorgelegt hat. Meriten hat sich Bischitzky bereits mit hervorragenden Übertragungen von Tschechow erworben. Für die Übersetzung von Gogols „Die toten Seelen" wurde sie 2010 mit dem Helmut M. Braem-Preis ausgezeichnet.

Vera Bitschitzkys Übersetzung ist äußerst geschmeidig, entstaubt und von einer modernen Diktion, ohne den Sprachduktus des Originals preiszugeben. Ihr gelingt es vor allem, dem Leser Gontscharows hintergründigen Witz, seinen Geist und seine Intelligenz, seine Komik und die tragische Tiefe von Oblomows Lebensschicksal zu vermitteln.

Man kann jedoch nicht über Gontscharows „Oblomow" sprechen, ohne etwas über Oblomow zu sagen, über diese singuläre Gestalt in der Literatur, diesen so absolut „überflüssigen Menschen". Da liegt ein junger Mann von „zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahren... seinen Gesichtszügen fehlte jede bestimmte geistige Kraft und auch jede Konzentration. Frei wie die Vögel spazierten die Gedanken über sein Gesicht, sie flatterten in den Augen, setzten sich auf sie halbgeöffneten Lippen, versteckten sich in den Stirnfalten und verschwanden schließlich ganz, dann leuchtete das Gesicht in einem warmen, gleichbleibenden Licht der Sorglosigkeit. Vom Gesicht ging die Sorglosigkeit in die Posen des ganzen Körpers über und sogar in die Falten des Schlafrocks."

Mit dieser brillanten Vorstellung des Ilja Iljitsch Oblomow hat Iwan Gontscharow seinen „Unhelden", denn Heldenhaftes hatte dieser Gutsbesitzer, dieser Tagträumer und unnütze Mensch beileibe nicht, zugleich charakterisiert. Und weil dieser Oblomow nicht nur eine private Person ist, sondern auch ein Vertreter der zaristischen Gesellschaft seiner Zeit, ist der Roman von Iwan Gontscharow, 1859 erschienen, auch ein Spiegelbild eben dieser Gesellschaft.

Zurück zu diesem Typus, begabt und gebildet, aber weltfern und vor allem wirkungslos, der seine Zeit vorwiegend in liegender Haltung, in Schlafrock und Pantoffeln verbringt. Den Dienst als Beamter hat er quittiert. So denkt er überflüssige Gedanken, schmiedet er Pläne, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, er isst und trinkt und schläft. Und er „singt" auf diese Weise ein Lob der Faulheit. Kurz, er leidet an Oblomowerei, einer „Krankheit", die er sozusagen erfunden und durchlebt hat. Und die zu allen Zeiten immer wieder ansteckend gewirkt hat.

Aus seiner, soll man sagen: Lethargie, kann ihn nichts und niemand reißen, seine Faulheit ist sprichwörtlich. Auch sein „Gegenspieler" und Freund, der deutsche Halbrusse Andrej Iwanowitsch Stolz nicht. Stolz ist ein Muster an Tatkraft, ist ein „lebendiger „Mensch", und das ganze Gegenteil von Oblomow.

Auch Olga, in die sich Oblomow erstaunlicherweise verliebt, kann und wird an seiner Passivität nichts ändern. Die so hoffnungsvoll begonnene Beziehung scheitert. Und so muss und wird auch Oblomow scheitern. Sein Gut verfällt, er wird krank und verliert sein Leben durch Teilnahmslosigkeit und durch einen Schlaganfall. Stolz resümiert am Ende: „Er war nicht dümmer als andere, und seine Seele war rein und klar wie Glas; er war großmütig, zartfühlend und ist zugrunde gegangen." „Der Grund war...die Oblomowerei".

© Günter Nawe

Iwan A. Gontscharow: „Oblomow"
Carl Hanser Verlag, 34,90 €