Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren

Vom Lohnsklaven zu Englands größtem Dichter

Charles Dickens
Charles Dickens

Schon zu seinen Lebzeiten galt Charles Dickens als einer der ganz großen englischen Schriftsteller. So stellte ihn Professor John Wilson in einer Laudatio am 25. Juni 1841 in eine Reihe mit Defoe, Richardson, Fielding und Scott. Heute wissen wir es noch besser. So streiten wir uns bestenfalls noch darum, ob Dickens nach oder neben William Shakespeare der größte englische Autor ist. Und heute wird er in der englischsprachigen Welt gar mit James Joyce und Franz Kafka verglichen.

Wie auch immer diese Frage entschieden wird: An dem großen Dickens kommt keiner vorbei, der sich mit englischer Literatur des Viktorianischen Zeitalters befasst. Und nicht nur des Viktorianischen. Denn Dickens war ein Meister und seine Romane fast durchgängig Meisterwerke - und das bis heute: Titel, die fast jeder kennt - wie „Oliver Twist" und „Die Pickwickier", „David Copperfield", „Martin Chuzzlewit" und die „Weihnachtsgeschichten", „Nikolaus Nickleby" und „Eine Geschichte von zwei Städten", einer seiner ganz großen Romane - um nur einige zu nennen. Dickens war ein immens fleißiger, aber in jeder Hinsicht brillanter, Autor.

Geboren ist Charles Dickens am 7. Februar 1812 in Portsmouth. Sein Vater war ein großer Schuldner vor dem Herrn und landete verschiedentlich im Schuldgefängnis. Der 12-jährige Charles wurde Lohnsklave in einer Schuhwichsfabrik und ab 1927 Mitarbeiter in einer Anwaltskanzlei. Er will jedoch schreiben und wurde Gerichts- und Parlamentsreporter. Prägende Erfahrungen und Erlebnisse, die sich in seinen Büchern, Romanen, Erzählungen, Reportagen niederschlagen sollten.

Schnell finden seine Arbeiten, vielfach als Fortsetzungsromane erschienen, reißenden Absatz beim Publikum und viel Zustimmung bei der Kritik. Und das hat nicht nur mit der humorvollen, populären Diktion, mit den unvergesslichen Figuren, mit dem Hang zu heiterer Skurrilität und zum Makabren zu tun.
Es ist der sozialkritische Ansatz, der seine Bücher auszeichnet. Vor allem Kinder sind häufig seine Protagonisten, durch die er Elend und soziale Ungerechtigkeit thematisiert. Immer wieder aber beschreibt er auch den Lebensstil einer Gesellschaft, für die der Aufstieg in eine höhere Gesellschaftsschicht, die Gentry - das gehobene Bürgertum und der niedere Adel - eine Pflicht zu sein scheint. Ein Streben übrigens, das Charles Dickens sich selbst sehr zu Eigen machte. Sein Lebens- und Arbeitsmotto jedenfalls, zitiert nach „Oliver Twist": „Please, Sir, I want some more."

Unter einem Pseudonym erschienen 1836 die „Boz"-Skizzen - und damit begann das öffentliche Schriftstellerleben des Charles Dickens. Im gleichen Jahr heiratete er und „begründete" damit eine kinderreiche Familie. 1842 reiste er nach Amerika („American Notes"), 1845 unternahm er seine „Italienische Reise". Auch später sollte der Buchautor, Begründer und Verleger von Zeitungen und Zeitschriften noch Zeit finden, immer wieder zu reisen. Ehekrise und Midlife-Krise blieben ihm nicht erspart. Die Ehe zerbrach 1858, und die Geliebte Ellen Ternan tritt auf den Plan. Mit den Großen der englischen Literatur war Dickens vielfach befreundet, als ebenbürtig angesehen und oft bewundert. Die Leser liebten ihn und bescherten seinen Büchern riesige Auflagen.

In den Jahren 1862 bis 1865 macht sich, wie der Dickens-Biograph Hans-Dieter Gelfert schreibt, eine „nachlassende Kreativität" bemerkbar. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Dickens mit Lesereisen - vor allem in London und in der Provinz. Längst jedoch ist er krank - physisch und psychisch. Am 9. Juni 1870 stirbt Charles Dickens.

Ein exemplarisches Dichterleben? Was es über den „Unnachahmlichen" zu wissen gibt, hat Hans-Dieter Gelfert in einer sehr interessanten und informativen Biographie zusammengetragen, die sich durch profundes Wissen, aber auch durch eine hervorragende Lesbarkeit auszeichnet. Gelfert entwirft nicht nur ein Panorama der Zeit, sondern versteht es, in einzelnen Kapiteln das Leben des Dichters anschaulich zu schildern und sein Werk in vorzüglichen - wenn man so will - Rezensionen dem Leser nahezubringen.

Diese Biographie ist rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Charles Dickens erschienen. Und endlich gibt es auch den letzten Romans von Charles Dickens, „Große Erwartungen", in neuer, ausgezeichneter Übersetzung von Melanie Walz. Unter dem Titel „Great Expectations" ist er zwischen 1860 und 1861 in wöchentlichen Fortsetzungen in „All the Year Round" erschienen. Heute gilt er als das reifste, das vollkommenste Werk des Autors. Das Buch hat alles, was auch die anderen Romane Dickens' auszeichnet - das aber in Vollendung: „Große Erwartungen" ist eine Art Detektivroman, hat eine wunderbar rührende Liebesgeschichte, thematisiert das Aufstiegsbemühen der englischen Mittelschicht und prangert soziale Defizite an.

Um Emanzipation geht es Pip, der Hauptfigur dieses Romans, von der Fremdbestimmung als Folge einer unerwarteten Erbschaft. In einer Reihung von Einzelschicksalen und -geschichten, vom Autor geschickt miteinander verbunden, erleben wir nicht nur den Aufstieg des Waisenkindes und Schmiedegesellen Pip in die Gentry, sondern auch den Verlust der Illusionen, die er damit verbunden hatte. Der Leser nimmt weiterhin teil am Schicksal eines entflohenen Sträflings - eine sehr moralische Geschichte -, der im Ausland ein Vermögen macht und es nach seiner Rückkehr nach England ebenso verliert, wie letztlich auch sein Leben. Und wir erfahren viel über die Lebensverhältnisse und das Rechtssystem der Zeit.

Der Roman „Große Erwartungen" fasziniert durch seine lebendige Schilderung ganz im Dickensschen Stil. Es zeigt, wie es Orhan Pamuk treffend formuliert hat, „was es mit dem Leben auf sich hat". Also: ein Lesevergnügen par excellence.

© Günter Nawe

Charles Dickens: „Große Erwartungen“
Carl Hanser Verlag, 34,90 €

Hans-Dieter Gelfert: „Charles Dickens - der Unnachahmliche“
C.H. Beck Verlag, 29,95 €