Zum 150. Geburtstag von Italo Svevo

„Kurzum, außerhalb der Feder gibt es kein Heil“

Italo Svevo
Italo Svevo

Die literarische Moderne in Europa ist ohne Italo Svevo nicht denkbar. Sein Name steht gleichberechtigt neben James Joyce, Marcel Proust, Franz Kafka und Fernando Pessoa - und sein kleines großes Werk: „Senilitá", „Zeno Cosini" und „Una Vita", dazu einige wenige Theaterstücke und Erzählungen, kann sich neben den Werken der berühmten Autoren seiner Zeit ohne weiteres behaupten.

Obwohl - das war nicht immer so. Seine ersten Bücher musste der Bankangestellte Ettore Schmitz, der nebenbei als Theaterkritiker sein karges Gehalt aufbesserte, auf eigene Kosten drucken lassen. Als Kind war dieser Ettore Schmitz, geboren am 19. Dezember 1861 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns deutscher Abstammung in Triest, Internatsschüler in der Nähe von Würzburg, wo er perfekt Deutsch lernte. Diesem Aufenthalt verdankte sich auch der Autorenname Italo Svevo (der italienische Schwabe). Heute steht dieses Pseudonym für den größten italienischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Sein erster Roman „Una vita" (1892), vom Literatur-Nobelpreisträger Paul Heyse hochgelobt, fand aber kaum Resonanz. Und so sollte es lange bleiben. Italo Svevo war der große Verkannte seiner Zeit, und zum Teil ist er es auch noch heute. Obwohl er mit seinem Werk im literarischen Trend der Zeit lag. Er entdeckt für sich den Pessimismus Schopenhauers und die Psychologie des Sigmund Freud. Vor allem sie fanden Niederschlag in den Romanen Svevos, der gern auch als Erfinder des psychologischen Romans bezeichnet wird.

Auch „Senilità" (1898) fand kein literarisches Echo. Italo Svevo war drauf und dran, die Schriftstellerei aufgeben. Er reiste durch Europa, trat in die Leitung des Unternehmens seines Schwiegervaters ein und lernte James Joyce kennen. Nicht zuletzt durch ihn, der seine Bedeutung erkannte, kam Svevo zur Überzeugung, dass es „außerhalb der Feder kein Heil" gibt.

1923 dann wohl sein bedeutendster Roman: „Zeno Cosini". Er sollte den Durchbruch bringen. Und so konnte sein Autor am Ende - Italo Svevo starb am 13. September 1928 an den Folgen eines Autounfalls - resümieren: „Alles in allem war sein Leben nicht so unglücklich, wie er befürchtet hatte. Er war stets der Ansicht, dass auch dem, der die Begabung hat, Romane zu verfassen, ein lebenswertes Leben zusteht". So steht es in seinem „Autobiographischen Profil". In der Tat.

Die Romane des Italo Svevo sind heute in sehr schönen Ausgaben - erschienen bei Manesse und von Barbara Kleiner hervorragend übersetzt - zu lesen. Und natürlich in jedem Fall lesenswert.

© Günter Nawe

Nagib Machfus: „Das junge Kairo“

Liebe als Ursprung des Schreibens.
Vor 100 Jahren ist Nagib Machfus geboren.

Machfus Kairo
Nagib Machfus: „Das junge Kairo“
Unionsverlag
320 Seiten, 19,90 €

„Der Ursprung jedes Schreibens ist die Liebe - die Liebe zu einem Ort, zu Menschen oder zu einem Ideal." Diese Liebe findet ihren Niederschlag in einer Reihe großartiger Romane, die dem Ägypter Nagib Machfus nicht nur das große Interesse der literarischen Weltöffentlichkeit, sondern auch 1988 den Literatur-Nobelpreis - als einem der bedeutendsten Autoren seines Landes und als bemerkenswertestem Intellektuellen der gesamten arabischen Welt - eingebracht haben.

Geboren wurde der „Balzac Ägyptens" am 11. Dezember 1911 in Alt-Kairo. Er wuchs in einem jener Kairoer Viertel auf, die er später so plastisch und wunderbar beschrieben hat. Ursprünglich hat er Philosophie studiert, später arbeitete er als Beamter im ägyptischen Bildungsministerium, bevor er dann endgültig für das Schreiben entschied. Er war der erste Autor, der den Roman für die arabische Welt entdeckt hat, der die Mythen, Märchen und Legenden schreibend „erzählt" hat. So sind seine Romane und Novellen nicht nur Weltliteratur geworden, sondern trugen und tragen zugleich zu einem erfolgreichen Dialog der Kulturen bei. Denn ihr Autor gilt als ein hervorragender und unbestechlicher Chronist der ägyptischen Gesellschaft und ein exzellenter Schilderer menschlicher Charaktere.

Bereits Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde Nagib Machfus mit seinem Roman „Die Midaq Gasse" bekannt. Den Durchbruch als Schriftsteller erzielte er jedoch mit der berühmten Kairoer Trilogie, also mit den Romanen „Zwischen den Palästen", „Palast der Sehnsucht" und „Zuckergässchen". Mit diesen Romanen über eine Kairoer Kaufmannsfamilie über drei Generationen hinweg beschreibt Machfus den Wandlungsprozess, den die ägyptische Gesellschaft während der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts durchgemacht hat.

Ein geteiltes Echo dagegen fand der Roman „Kinder unseres Viertel" (1959). Diese großartige Parabel auf die Menschheitsgeschichte brachte ihm den Protest konservativer islamischer Kreise en. Gotteslästerung wurde ihm vorgeworfen. Der Roman musste in Ägypten unter dem Ladentisch verkauft werden. Auch mit der Unterstützung des Friedensprozesses mit Israel erntete er Hass und Verfolgung durch die Fundamentalisten.

Mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises bekam der Dichter Nagib Machfus nicht nur die Anerkennung für sein literarisches Werk, sondern auch für seinen Mut. Nicht zuletzt sein Eintreten für eine demokratische Gesellschaftsordnung seines Landes und seine radikale Verurteilung des fundamentalistischen Islam brachten ihm die Fatwa ein. Am 14. Oktober 1994 wurde Nagib Machfus durch einen Mordanschlag lebensgefährlich verletzt. Er musste in den letzten Jahren unter Personenschutz leben. Am 29. August 2006 ist Nagib Machfus gestorben.

Nagib Machfus war ein wunderbarer Erzähler, für den das Leben das höchste Gut und der Ursprung des Schreibens die Liebe war. Davon zeugt sein umfangreiches Werk auf hervorragende Weise. Und das auch heute noch und gerade im Hinblick auf die politischen und gesellschaftspolitischen Prozesse, die zurzeit in Ägypten stattfinden.
Bereits 1993 forderte der Dichter: „Was Ägypten zur Stabilität braucht, ist mehr Demokratie, gepaart mit Liberalität, freie Debatte, freie Parteien, Rechtsstaat, soziale Gerechtigkeit und vor allem gute Ausbildung." Forderungen, die im gesamten Werk des „großen Chronisten" Kairos und ägyptischer Wirklichkeit Nagib Machfus zu finden sind.

So auch im bereits 1945 erschienenen und jetzt postum auf Deutsch aufgelegten Roman „Das jungen Kairo". Ein wunderbarer Roman, mit dem uns Machfus alte Geschichten über den Aufbruch der ägyptischen Jugend erzählt, die plötzlich wieder große Aktualität gewinnen.

© Günter Nawe

Nagib Machfus: „Das junge Kairo“
Unionsverlag, 320 Seiten, 19,90 €

Liebe als Ursprung des Schreibens.

Zum Geburtstag von Nagib Machfus vor 100 Jahren

„Der Ursprung jedes Schreibens ist die Liebe - die Liebe zu einem Ort, zu Menschen oder zu einem Ideal." Diese Liebe findet ihren Niederschlag in einer Reihe großartiger Romane, die dem Ägypter Nagib Machfus nicht nur das große Interesse der literarischen Weltöffentlichkeit, sondern auch 1988 den Literatur-Nobelpreis - als einem der bedeutendsten Autoren seines Landes und als bemerkenswertestem Intellektuellen der gesamten arabischen Welt - eingebracht haben.

Geboren wurde der „Balzac Ägyptens" am 11. Dezember 1911 in Alt-Kairo. Er wuchs in einem jener Kairoer Viertel auf, die er später so plastisch und wunderbar beschrieben hat. Ursprünglich hat er Philosophie studiert, später arbeitete er als Beamter im ägyptischen Bildungsministerium, bevor er dann endgültig für das Schreiben entschied. Er war der erste Autor, der den Roman für die arabische Welt entdeckt hat, der die Mythen, Märchen und Legenden schreibend „erzählt" hat. So sind seine Romane und Novellen nicht nur Weltliteratur geworden, sondern trugen und tragen zugleich zu einem erfolgreichen Dialog der Kulturen bei. Denn ihr Autor gilt als ein hervorragender und unbestechlicher Chronist der ägyptischen Gesellschaft und ein exzellenter Schilderer menschlicher Charaktere.

Bereits Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde Nagib Machfus mit seinem Roman „Die Midaq Gasse" bekannt. Den Durchbruch als Schriftsteller erzielte er jedoch mit der berühmten Kairoer Trilogie, also mit den Romanen „Zwischen den Palästen", „Palast der Sehnsucht" und „Zuckergässchen". Mit diesen Romanen über eine Kairoer Kaufmannsfamilie über drei Generationen hinweg beschreibt Machfus den Wandlungsprozess, den die ägyptische Gesellschaft während der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts durchgemacht hat.

Ein geteiltes Echo dagegen fand der Roman „Kinder unseres Viertel" (1959). Diese großartige Parabel auf die Menschheitsgeschichte brachte ihm den Protest konservativer islamischer Kreise en. Gotteslästerung wurde ihm vorgeworfen. Der Roman musste in Ägypten unter dem Ladentisch verkauft werden. Auch mit der Unterstützung des Friedensprozesses mit Israel erntete er Hass und Verfolgung durch die Fundamentalisten.

Mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises bekam der Dichter Nagib Machfus nicht nur die Anerkennung für sein literarisches Werk, sondern auch für seinen Mut. Nicht zuletzt sein Eintreten für eine demokratische Gesellschaftsordnung seines Landes und seine radikale Verurteilung des fundamentalistischen Islam brachten ihm die Fatwa ein. Am 14. Oktober 1994 wurde Nagib Machfus durch einen Mordanschlag lebensgefährlich verletzt. Er musste in den letzten Jahren unter Personenschutz leben. Am 29. August 2006 ist Nagib Machfus gestorben.

Nagib Machfus war ein wunderbarer Erzähler, für den das Leben das höchste Gut und der Ursprung des Schreibens die Liebe war. Davon zeugt sein umfangreiches Werk auf hervorragende Weise. Und das auch heute noch und gerade im Hinblick auf die politischen und gesellschaftspolitischen Prozesse, die zurzeit in Ägypten stattfinden.
Bereits 1993 forderte der Dichter: „Was Ägypten zur Stabilität braucht, ist mehr Demokratie, gepaart mit Liberalität, freie Debatte, freie Parteien, Rechtsstaat, soziale Gerechtigkeit und vor allem gute Ausbildung." Forderungen, die im gesamten Werk des „großen Chronisten" Kairos und ägyptischer Wirklichkeit Nagib Machfus zu finden sind.

So auch im bereits 1945 erschienenen und jetzt postum auf Deutsch aufgelegten Roman „Das jungen Kairo". Ein wunderbarer Roman, mit dem uns Machfus alte Geschichten über den Aufbruch der ägyptischen Jugend erzählt, die plötzlich wieder große Aktualität gewinnen.

 

© Günter Nawe

Zum Tode von Christa Wolf

Christa Wolf
Christa Wolf

In ihrem großartigen Roman „Medea. Stimmen" (1996) hat Christa Wolf formuliert: „Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort."

Christa Wolf, geboren 1929, sah sich nach der Wende ebenfalls in der Rolle einer modernen Medea. Einerseits anerkannt als herausragende deutsche Schriftstellerin, andererseits „verfolgt" von einem Teil der Literaturkritik, die ihr die Tätigkeit als IM der Stasi übelnahm, saß die Autorin einmal mehr zwischen den Stühlen. Politisches Leben und literarisches Leben standen oft genug im Widerstreit und gehörten bei ihr doch immer zusammen. Ihre persönliche Integrität jedoch bleibt unbestritten, ihre literarischen Fähigkeiten, ihre wichtigsten Werke werden Bestand haben.

Sie war eine DDR-Schriftstellerin, und - sie war eine gesamtdeutsche Schriftstellerin. Und lässt man einmal, was zwar unzulässig, doch in diesem Falle erlaubt sein mag, die politischen und gesellschaftspolitischen Implikationen beiseite: Sie war eine der bedeutendsten Autorinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Und nicht nur Günter Grass hätte sie gern als Literatur-Nobelpreisträgerin gesehen.

Wer alt genug ist, wird sich noch an 1963 erinnern, als die Erzählung „Der geteilte Himmel" erschien. Die Kritik war begeistert, die Leser ebenfalls. Sowohl stilistisch als auch als gesellschaftspolitische Auseinandersetzung war dieses schmale Buch ein Aufreger erster Güte. Heute ist diese Erzählung ein einzigartiges, literarisches Zeugnis.

„Nachdenken über Christa T." (1968) war ein weiterer Titel, der über alle Zeiten hinweg Bestand in der deutschen Literatur haben wird. „Kindheitsmuster" (1976) wurde kritischer gesehen. 1979 dann erschien „Kein Ort. Nirgends", ein wunderbarer Roman über die fiktive Begegnung des Dichters Heinrich von Kleist mit Karoline von Günderode.

Mit „Kassandra" (1983) fand Christa Wolf ihren Stoff im Rückgriff auf die Antike. Und mit „Medea". Beide - Kassandra und Medea - waren starke, ungewöhnliche Frauen, die wie Christa Wolf selbst „zwischen den Zeiten" gelebt haben. Ihr war der antike Mythos gerade recht, die immer noch dominierende Männerwelt aufs Korn zu nehmen, sich mit ihr literarisch auseinanderzusetzen. Und das ist Christa Wolf bestens gelungen.

Zuletzt war es 2010, war es „Stadt der Engel": ein Roman, der eigentlich kein Roman ist; eher ein Erinnerungsbuch und ein klein wenig auch ein Rechtfertigungsbuch. „Stadt der Engel" wird gerade deshalb bleiben.

„Ist eine Welt zu denken, in die ich passen würde." Ja - und sie hat in diese Welt gepasst. Am 1. Dezember 2011 ist Christa Wolf in Berlin gestorben.

Dieser Text will und kann keine kritische Würdigung von Person und Werk der Christa Wolf sein. Er soll allerdings eine Verbeugung vor einer großartigen Autorin sein, deren Bücher - trotz aller Einschränkungen, die gemacht werden müssen - heute noch lesenswert sind - und deshalb an dieser Stelle empfohlen werden.

© Günter Nawe