Heinrich von Kleist zum 100. Todestag

„Mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat“. Heinrich von Kleist und der Tod am Wannsee

Heinrich von Kleist
Heinrich von Kleist

Er war (und ist) sicher einer der rätselhaftesten Dichter, die die deutsche Literatur kennt. Ein Dichter, den man eigentlich nur von seinem Tode her verstehen kann. Und dieser Tod am Kleinen Wannsee, zwischen Berlin und Potsdam, war spektakulär, war eine großartige Inszenierung, wie sie nur einem Dramatiker vom Range eines Heinrich von Kleist eifallen konnte.

Dabei war es pure Verzweiflung am Leben, die den Dichter am 21. November 1811, im Alter von 34 Jahren, zusammen mit seiner Liebes- oder besser Leidensgefährtin Henriette Vogel in den Tod trieb. Deshalb gehören zu den eindrucksvollsten Hinterlassenschaften dieses unsteten, traurigen Lebens die letzten Briefe. So schreibt Kleist an seine Halbschwester Ulrike: „... die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war." Und an Marie von Kleist am Morgen seines Todes: „... wenn Du wüßtest, wie der Tod und die Liebe sich abwechseln, um diese letzten Augenblicke meines Lebens mit Blumen, himmlischen und irdischen, zu bekränzen, gewiß würdest Du mich gern sterben lassen. Ach, ich versichere Dich, ich bin ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder, was ich nie gekonnt habe, und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten aller Tode vergütigt." Man liest das auch heute nicht ohne Erschütterung.

Das „allerqualvollste" Leben, „das je ein Mensch geführt hat"? Das Thema „Tod" hat Heinrich von Kleist sein ganzes, kurzes Leben lang begleitet. Denn das „Leben" war ihm nie gut. Der 1777 in eine preußsische Adelsfamilie hinein geborene Heinrich von Kleist begann seine „Laufbahn" als Militär, setzte sie fort als Student in Frankfurt/Oder, wo er ein Studium generale beginnt, ohne es zu Ende zu führen. Ein unstetes Leben war es, unbehaust, weil zeitlebens ohne festen Wohnsitz, das ihn ständig unterwegs sah - auf teilweise recht rästelhaften Reisen. Eine kurzfristige Anstellung im Staatsdienst konnte ihn auch nicht ausfüllen, gefährdete ihn stattdessen. Mit Geld konnte er nicht umgehen, umso mehr plagten ihn immer wieder Schulden. Er ging nach Paris, das er nicht mochte. 1802/03 hielt er sich in der Schweiz auf. „Ich will im eigentlichsten Sinne ein Bauer werden", nahm er sich vor. Auch dieses Projekt scheiterte - nicht zuletzt auch daran, dass seine Verlobte Wilhelmine von Zenge sich nicht als Bäuerin vorstellen konnte; und damit endete dann auch diese ohnehin etwas fragwürdige Beziehung. Noch einmal sollte er preußischer Staatsdiener werden - und am Ende Journalist und Herausgeber einer „Zeitung". Auch dies ohne Fortune.

So wurde Heinrich von Kleist ein Dichter. Zwar auch dies recht glücklos. Blieb ihm doch die Anerkennung zeitlebens verwehrt. Sowohl die seiner Kollegen - mit Ausnahme von Christoph Martin Wieland - als auch des Publikums.

Glücklos war er auch in der Liebe. Das Verhältnis zu Wilhelmine Zenge musste scheitern, weil er sich eher in der Rolle eines Mannes sah, der sich die Frau wie das „Mundstück" einer Klarinette zurechtschnitzen wollte. Gefühle kamen in ihrer Beziehung so gut wie nicht vor. Bei einem Besuch bei Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt verliebte sich die 13-jährige Wielandtochter Louise in den fünfundzwanzigjährigen Kleist. Hat Kleist überhaupt geliebt? Sicher seine Halbschwester Ulrike, mit der ihn ein fast inzestuöses Verhältnis verband. Und - und das gab und gibt Raum zu mancherlei Spekulation - den Freund Ernst von Pfuel, dem er regelrechte „Liebesbriefe" schrieb.

„Ach, liebe Ulrike, ich passe mich nicht unter die Menschen, es ist eine traurige Wahrheit; aber eine Wahrheit.... Die Notwendigkeit, eine Rolle zu spielen, und einen inneren Widerwillen dagegen machen mir jede Gesellschaft lästig, und froh kann ich nur in meiner eigene Gesellschaft sein, weil ich da ganz wahr sein darf.", schreibt er am 5. Februar 1801 an Ulrike.

Das alles macht nicht den Eindruck einer glücklichen und erfüllten Existenz. Erst wenn wir den Focus auf sein Werk richten, ergibt sich ein anderes Bild. In wenigen Jahren, beginnend mit der „Familie Schroffenstein", reihte Heinrich von Kleist ein Meisterwerk an das andere: die großen unvergänglichen Dramen: „Penthesilea", „Prinz Friedrich von Homburg", „Das Käthchen von Heilbronn", „Amphitryon" und „Der zerbrochene Krug" Dazu die Erzählungen und Novellen „Michael Kohlhaas" und „Die Marquise von O...", „Das Erdbeben von Chili" und „Der Zweikampf". Durchweg besetzt mit einem Personal, das in seiner Radikalität mehr als erschreckend ist. Und selbst da, wo gelacht werden kann oder könnte, es ist ein bitteres, ein schreckliches Lachen.

Thomas Mann hat einmal geschrieben: „Man kommt bei Lesen dieser Geschichten aus dem Schrecken, de Aufregung, der Bangigkeit vor dem Ungeheuerlichen, aus dem Bann geteilten Gefühls nicht heraus." Im übertragenen Sinne ist dies auch bei der Lektüre der Briefe des Heinrich von Kleist festzustellen, die ein einzigartiger Kommentar zu Leben und Werk sind.

In diesen Werken begegnet uns ein Dichter, ein Dramatiker, Erzähler und Essayisten („Über das Marionettentheater"), der an der Schwelle der Klassik zur Romantik steht - und doch nirgendwo zuzuordnen ist, weil unvergleichlich. Eher ist es seine Modernität, damals wie heute, die ihn so bedeutend und so zeitgemäß macht. Man sehe sich die Themen an: Krieg und Gewalt, Liebe und Hass, Frauenpower und Männerwahn. All das finden wir in den Erzählungen und Theaterstücken. Formuliert in einer Sprache, die kraftvoll und mitreißend ist, teilweise sehr verstörend - und deshalb von großer Wahrhaftigkeit. Und so ragt Heinrich von Kleist durch diese Wahrhaftigkeit und durch seine Radikalität, die seine Werke auszeichnen, in unsere Zeit hinein.

Wer also war dieser traurigste, tragischste aller deutschen Dichter? „Wir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint..."., hat er einmal notiert. Dieser Satz gilt.

Zu wünschen ist, dass das dieser außergewöhnliche Heinrich von Kleist auch über alle Gedenktage hinweg im Gedächtnis der literarischen Welt bleibt. Von seinem Zeitgenossen Gotthold Ephraim Lessing stammt das Diktum: „... wir wollen weniger erhoben / und fleißiger gelesen sein.". Das mag auch für Heinrich von Kleist gelten.

© Günter Nawe

Um sich diesem Heinrich von Kleist - und das nicht nur aus gegebenem Anlass - wenigstens zu nähern, wird auf Reihe von durchweg großartigen Biographien, die in den letzte Monaten erschienen sind, verwiesen. Darunter auf die des Kölner Literaturwissenschaftlers Günter Blamberger, der sich nicht nur mit der linearen Beschreibung der Lebensdaten zufrieden gibt, sondern eine recht ausführliche Interpretation des Kleist'schen Opus bietet.

Ganz unkonventionell ist dagegen die Lebensbeschreibung der italienischen Germanistin Anna Maria Carpi, die. im Stile eines biografischen Romans, Fakten und Fiktion, Zitat und Interpretation mischt - und so auf erstaunliche und bemerkenswerte Weise eine überzeugende Annäherung an Heinrich von Kleist erreicht.

Wer war dieser Heinrich von Kleist? Am nächsten kommt man ihm wohl, wenn man seiner Werke liest: die großartigen und verstörenden Theaterstücke und die faszinierenden Erzählungen. Einzelausgaben und Werkausgaben gibt es in Hülle und Fülle.

Besonders mit dem tragischen Tod des Dichters „beschäftigt" sich gern die erzählende Literatur. Zum Beispiel Tanja Langer, die in einer beeindruckenden Erzählung die letzte Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist meisterhaft und auf sehr poetische Weise „vergegenwärtigt".

Heinrich von Kleist: „Sämtliche Werke und Briefe (Münchner Ausgabe)“
3 Bände, Deutscher Taschenbuch Verlag

Heinrich von Kleist: „Im Taumel wunderbar verwirrter Sinne - Sämtliche Erzählungen“
Insel-Taschenbuch

Günter Blamberger: „Heinrich von Kleist - Biographie.“
S. Fischer

Anna Maria Carpi: „Kleist. Ein Leben.“
Insel Verlag

Jörg Aufenanger: „Alles, was süß ist, lockt mich. - Vierzig Tage im Leben des Heinrich von Kleist.“
Transit Verlag

Tanja Langer: „Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit - Die letzte Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist.“
dtv Verlag

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