Esther Kinsky: „Banatsko“

Nichts als lautes Schweigen.
Esther Kinskys beeindruckender Roman.

Banatsko
Esther Kinsky: „Banatsko“
Matthes & Seitz
19,90 €

Mit Preisen ist die die Schriftstellerin Esther Kinsky wahrlich reich gesegnet. Zu Recht! Und nun steht sie auch auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2011 - aus unserer Sicht mit guten Aussichten.

Zu begründen ist dies mit ihrem letzten Roman „Banatsko" - diese sprachlich so wunderbare, formvollendete Erzählung über das Leben in einer kleinen Stadt im Dreiländereck Ungarn. Rumänien und Serbien.

„Hauptfigur" dieses Romans ist die Landschaft, von Esther Kinsky immer wieder und sehr abwechlungsreich beschrieben. Nichts Spektakuläres passiert, das Leben geht seinen ruhigen Gang. „Der Akkordeonspieler verbrachte die Tage damit, die weite Ebene mit den Blicken zu überschweifen und die Träume ... ungehindert ihr Spiel um sein Herz und seinen Kopf treiben zu lassen. Das, dachte der Akkordeonspieler, wie er an seinem Fenster saß und in die Stille der Ebene lauschte, das ist das wahre Leben."

Es sind Sätze wie dieser, die den Leser so sehr für das Buch einnehmen; Sätze, klar und unprätentiös, eine schnörkellose Syntax und ein sanfter, beruhigender Rhythmus. Esther Kinskys Prosa ist eine Prosa der Entschleunigung.

Ein Mensch kommt durch Zufall nach Báttonya, im Banat. Was er hier vorfindet, ist mehr oder weniger nur Stille und Landschaft. Es gibt den schon zitierten Akkordeonspieler und den Fleischer. Es gibt Attila, den Handwerker, der charakterisiert wird durch „laute Männersprache und einer leisen Frauensprache, seinen zwei Arten, nichts zu sagen, und die Männesprache war nichts als lautes Schweigen".

Den Menschen in der „Stille der Ebene" begegnet die Autorin mit großem Respekt und äußerster, liebevoller Zurückhaltung. Sie beschreibt die kleinen Dinge ihres Alltags, sie erzählt von ihren Freuden und Lieben und von dem, was die Geschichte diesem Landstrich im östlichen Europa auferlegt hat. „Ich spürte, wie die Grenzen am Herzen schliffen und feilten. Wie sich die blassen Linien, die nur auf dem Papier und nicht auf der Erde zu sehen waren, um die Gedanken legten...", heißt es an einer Stelle.

Man kann schlecht über diesen so außergewöhnlichen Roman erzählen, man muss ihn lesen. Auch, um die Schönheit der Sprache zu genießen, diesen leisen und steten Fluß der wunderbaren Prosa von Esther Kinsky. Und dies sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

© Günter Nawe

Esther Kinsky: „Banatsko“
Verlag Matthes & Seitz, 19,90 €

Uwe Johnson:
„Ich wollte keine Frage ausgelassen haben.
Gespräche mit Fluchthelfern.“

Uwe Johnson hat keine Frage ausgelassen

Prousts Mantel
Uwe Johnson: „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern.“
Suhrkamp Verlag
22,80€

Burkhart Veigel und Michael Jesse über Flucht und Fluchthelfer, über Uwe Johnson und Literatur

Uwe Johnson hatte die DDR 1959 verlassen. 1959 erscheint im westdeutschen Suhrkamp Verlag „Mutmassungen über Jakob", 1961 wurde die Mauer gebaut, 1962 heiratete er Elisabeth Schmidt, die nach dem Mauerbau aus der DDR geflüchtet war. Alle diese Daten und Ereignisse kreisen um das Thema „Flucht"

Uwe Johnson selbst hat sein Verlassen der DDR nie als Flucht verstanden. Er war schließlich nur „umgezogen"; umso mehr interessierte er sich aber für Flucht und Fluchthelfer, für die Bedingungen, unter denen „Flucht" stattfand, und was sie mit den Helfern gemacht hat.

Vor einiger Zeit ist im Suhrkamp Verlag das Buch „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben - Gespräche mit Fluchthelfern" erschienen. Ein Buch, das im Zusammenhang mit dem Mauerbau vor 50 Jahren plötzlich wieder sehr aktuell ist. Es gibt einerseits Aufschluss darüber, dass Johnsons Interesse sowohl literarischer als auch persönlicher Art war. Es ist andererseits auch ein Blick in die Schriftstellerwerkstatt.

Und es ist das Buch, das Uwe Johnson bereits 1963 schreiben wollte. „Ein Auftrag verdankte sich der Neugier auf eine Gruppe von Leuten, die sich selbst begriffen als ein ‚Reisebüro', die aber in der D.D.R.-Zeitung ‚Neues Deutschland' in Verbindung mit einem Personennamen, gebrandmarkt wurde als eine ‚Bande'". So ist es in „Begleitumstände - Frankfurter Vorlesungen" zu lesen. Und weiter: „Dies einmal ausgemacht, konnten die Materialien des geplanten Buches zu Band gegeben werden". Aber - so Johnson später: „Ja - die Tonbänder sind gelöscht". Hier irrte der Schriftsteller.
Die Bänder tauchten plötzlich wieder auf. Ein Glücksfall.

„Zu Band gegeben" wurden damals mehrere sehr ausführliche Interviews, eher als Gespräche zu bezeichnen, die Uwe Johnson mit Mitgliedern der Girrmann-Gruppe, dem „Reisebüro", also einer Organisation, die sich der Fluchthilfe gewidmet hatte, geführt hat.
Bei der Lektüre fällt auf, dass keine „bearbeitete Fassung vorliegt, sondern ein höchst authentischer Text. Und es fällt auf, dass Uwe Johnson mit der ihm eigenen Akribie alles sehr genau wissen wollte, nachgefragt hat, sich selbst mit persönlichen Anmerkungen in die Gespräche „eingebracht" hat. Er hat jedenfalls „keine Frage ausgelassen" und wollte schlichtweg alles erfahren: über Fluchtvorbereitungen und Fluchtwege, über Passfälschungen, über die Motivation und die finanzielle Bedingungen sowie über das persönliche Risiko der Fluchthelfer. Selbst wer wann, was und wo gegessen hat, schien ihm wichtig und interessant.

So ist dieses Buch ein zeitgeschichtliches und wenn man so will literarisches Dokument von außerordentlichem Rang. Auch und vor allem, weil die Anmerkungen des Herausgebers, das Vorwort von Detlef Girrmann und das Nachwort von Burkhart Veigel erheblich zum Verständnis von Fragen und Antworten beitragen.

Was sich aus diesen Geprächen für den Schriftsteller Uwe Johnson noch hätte machen lassen - darauf lässt die sehr schöne Erzählung „Eine Kneipe geht verloren" schließen. Sie ist bisher nur einmal - 1965 - veröffentlicht worden und dürfte deshalb für die Johnsonianer von besonderem Interesse sein.

Als vertiefende Lektüre ist zu empfehlen: das gerade erschienene Buch von Burkhart Veigel „Wege durch die Mauer". Burkhart Veigel war als 23-jähriger Medizinstudent selbst Fluchthelfer, ist also Akteur gewesen und Zeitzeuge.

Umso interessanter, dass „Aus gegebenem Anlass" Burkhart Veigel und der Johnson-Experte Michael Jesse am 19. August 2011, 19:30 Uhr, in der Lengfeld'schen Buchhandlung (Kolpingplatz 1, 50667 Köln), über Flucht und Fluchthelfer, über Johnson und Literatur lesen und diskutieren werden.

© Günter Nawe

Uwe Johnson: „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben. Gespräche mit Fluchthelfern.“
Suhrkamp Verlag, 22,80€

Burkhart Veigel: „Wege durch die Mauer. Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West.“
Edition Berliner Unterwelten, 19,90€