Lorenza Foschini: „Prousts Mantel.
Die Geschichte einer Leidenschaft“

Unvermutete Leidenschaften

Prousts Mantel
Lorenza Foschini: „Prousts Mantel“ Nagel & Kimche, 14,95 €

Vor 140 Jahren, am 10. Juli 1871, wurde Marcel Proust, geboren. Das ist zwar kein klassisches Jubiläum, aber immerhin ein Gedenktag. Und den lassen sich echte Proustianer ohnehin nicht entgehen.

So passt es wieder einmal, dass gerade jetzt die deutsche Übersetzung des wundervollen Buches „Prousts Mantel - Die Geschichte einer Leidenschaft" erschienen ist. Die italienische Autorin Lorenza Foschini hat „unvermutete Leidenschaften" entdeckt und aufgedeckt und in einer brillanten, literarisch ambitionierten Reportage aufbereitet.

„Alles, was hier erzählt wird, hat sich tatsächlich ereignet, und die Figuren dieser Geschichte haben reale Vorbilder ...", heißt es in der Vorbemerkung. So den Parfümfabrikanten und leidenschaftlichen Büchersammler Jacques Guérin, den eine Blinddarmentzündung zu Robert Proust führt, Chirurg und älterer Bruder von Marcel Proust.

Das hatte Folgen. Durch eben diesen Zufall entdeckt Guérin Gegenstände und Mobilar aus dem Nachlass von Marcel Proust. Einem Nachlass, um den sich weder der Bruder so richtig und die Schwägerin Marthe Dubois-Amiot überhaupt nicht kümmern. Im Gegenteil, Marthe mochte ihren Schwager nicht und möchte den gesamten Nachlass am liebsten verbrennen. Auch darüber und über die Hintergründe erzählt dieses Buch.

Für den Parfümfabrikanten beginnt 1929 eine obessesive Suche nach den Erbstücken aus Marcel Prousts Hand und Leben. Manuskripte, Zeichnungen, Autographen, Möbel, Billets und Toilettenartikel - eine abenteuerliche „Recherche", und eine literarische Spurensuche. Der Leser folgt ihr willig und oft mit angehaltenem Atem. Was nicht zuletzt an der faszinierenden und kenntnisreichen Schilderung von Lorenza Foschini liegt.

Im Mittelpunkt aber steht der Mantel von Marcel Proust. Ein Kleidungsstück, dass dem Proustianer bestens vertraut ist: Und so entdeckt ihn Guérin: „Der Mantel ist ein Zweireiher mit drei Knöpfen in jeder Reihe. Eine Kopfreihe wurde jedoch verschoben, um den Mantel einem dünneren Träger anzupassen... Der Mantel liegt jetzt geöffnet da, zeigt sein Innenfutter, mottenzerfressenen Otternfell...". „Ich kann mich nicht von diesem bedrückenden reglosen Simulacrum losreißen", lässt uns Guérin wissen.

Bereits am Anfang der „Recherche" schreibt Marcel Proust: „...Wenn ich jedenfalls in dieser Weise erwachte und mein Geist geschäftig und erfolglos zu vermitteln versuchte, wo ich war, kreiste in der Finsternis alles um mich her, die Dinge, die Länder, die Jahre."

„Die Dinge" waren es, die auch um Jacques Guérin „kreristen" und ihn - und uns - begeistert haben, und es immer noch tun. Ihm, der sie für die Nachwelt gerettet hat, hat Lorenza Foschini mit diesem Buch ein kleines Denkmal gesetzt.

Im Musée Carnavalet können wir viele dieser „Dinge" und Requisiten aus dem Fundus der Weltliteratur, besichtigen: Möbel aus dem Schlafzimmer Prousts, das Messingbett, in dem ein großer Teil der „Recherche" geschrieben wurde, und und und... Nicht jedoch den berühmten Mantel. Er lässt es nicht mehr zu, ausgestellt zu werden und ruht im Depot des Museums. Vor unserem geistigen Auge ist er jedoch zu sehen - nicht zuletzt dank der Schilderung der Lorenza Foschini.

© Günter Nawe

Lorenza Foschini: „Prousts Mantel“
Nagel & Kimche, 14,95 €

Ernest Hemingway zum 50. Todestag

Aber das Leben ist nun einmal anders ...

Ernest Hemingway
Ernest Hemingway

„Der alte Mann und das Meer" gehört wohl zu den schönsten Erzählungen, die uns Ernest Hemingway hinterlassen hat. Ansonsten assoziiert man mit dem Namen Hemingway häufig nur Frauen, Alkohol und ein abenteuerliches Leben, dem er am 2. Juli 1961 in Ketchum selbst ein Ende setzte.

Das also war vor 50 Jahren und damit Anlass genug, dieses außergewöhnlichen Autors zu gedenken. Sehr eindrucksvoll tut es die Enkelin Mariel Hemingway als Herausgeberin des fulminanten Bands "Ernest Hemingway in Bildern und Dokumenten". Die von ihr vorgenommene liebevolle und sehr geglückte Auswahl der über 300 Fotos, teilweise bisher unbekannt, zeigen den Menschen und Autor Hemingway in allen seinen Facetten.

Der 1899 in Oak Park (Illinois) geborene Ernest Hemingway erhielt 1954 den Literatur-Nobelpreis. Seine großartigen Reportagen als Kriegsberichterstatter vom Spanischen Bürgerkrieg und vom Stierkampf, seine Romane „Fiesta" (1926), „In einem anderen Land"(1929) und „Wem die Stunde schlägt" (1940) waren Bestseller. Seinen literarischen Ruhm hat Ernest Hemingway jedoch in erster Linie mit seinen Kurzgeschichten errungen, mit denen er fast eine eigene Stilrichtung begründet hat; einen Stil, revolutionär für die Literatur überhaupt, den der Autor in Perfektion beherrschte.

Leben und Werk beschreibt in diesem Band Boris Vejdovsky, amerikanischer Literaturwissenschaftler und Mitglied der Hemingway Society. In acht programmatisch benannten Kapiteln zeichnet er den Lebensweg dieses Autors nach. Mit Spannung folgt ihm der Leser von Hemingways Anfängen im amerikanischen Oak Park über die wunderbare Zeit in Paris, über die Reportagereisen nach Spanien und Italien, die Erkundung der afrikanischen Welt, seinen Kuba-Aufenthalt und so weiter - bis zum freiwilligen Ende in Ketchum am 2. Juli 1961.

Darüber geschrieben hat Hemingway immer „anderswo": „Deshalb fährt er in sein Haus nach Key West, um dort über seine Erlebnisse in Afrika zu schreiben, so wie er, nach einem bereits bekannten Muster, in Paris über Michigan, auf Kuba über Paris, in Florida über Spanien schreiben wird - aber das Leben ist nun einmal anderswo." (Vejdovsky)

Wer also war dieser Ernest Hemingway? Ein Frauenheld (er war viermal verheiratet und hatte unzählige Affären), ein Alkoholiker, ein Abenteurer, Großwildjäger, Stierkämpfer, ein Aufschneider, am Ende gar ein Psychopath? Vejdovsky gelingt es nicht nur, ein hervorragendes Psychogramm eines Machos mit einer sehr empfindsamen Seele zu zeichnen, er räumt vor allem mit vielen Legenden auf, für die Hemingway oft genug selbst verantwortlich war, weil er häufig Literatur und Leben miteinander verwechselt hat. Gerade das aber mag ihn zu einem so großartigen Schriftsteller gemacht haben.

So ist es vor allem auch der großartige biografische Essay von Boris Vejdovsky, der aufmerksam macht. Ein Text, mit dem der Autor nicht nur den Menschen und Schriftsteller Ernest Hemingway „lebendig" werden lässt. Dieser biografische Essay ist auch, wie das gesamte Buch, aus gegebenem Anlass eine wunderbare und würdige Hommage für Ernest Hemingway.

Eine Art „Hommage" ist auch die neue und sehr gelungene Übersetzung des Erinnerungsbuches von Ernest Hemingway „Paris, Ein Fest fürs Leben - A Moveable Feast. Die Urfassung" durch Werner Schmitz. Diese Neufassung ist texttreuer und vollständiger als alle bisherigen Ausgaben dieses Buches.

Es war das letzte, das Hemingway vor seinem Tode schrieb, und das erst posthum veröffentlicht wurde. In ihm beschreibt er aus der Rückschau des alten Mannes seine Jahre in Paris (1921-1928). Er erzählt von seinen Begegnungen mit Gertrude Stein und anderen Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur, von seiner Liebe zu seiner ersten Frau Hadley und von seiner Geliebten und zweiten Frau Pauline Pfeiffer. Insgesamt ist dieses Buch, das jetzt übrigens in einer sehr schönen neuen Übersetzung erschienen ist, auch eine wunderbare Erinnerung eine längst vergangene Zeit.

Das Buch hat in der jetzt vorliegenden Urfassung gegenüber der bisherigen Ausgaben eine stärkere Authentizität und eine überraschende Frische bekommen. So wird die Lektüre auch zu „einem Fest" für den Leser.

© Günter Nawe

Mariel Hemingway (Hrsg.): „Ernest Hemingway in Bildern & Dokumenten.“
Edition Olms Zürich, 208 Seiten, über 300 Abb., 49,90 €

Ernest Hemingway: „Paris, Ein Fest fürs Leben - A Moveable Feast. Die Urfassung.“
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 315 Seiten, 19,95 €