Peter Kurzeck: „Vorabend“

„Die Zeit erzählen“ – auf dass nichts verloren gehe. Peter Kurzecks Chronik des alten Jahrhunderts

Kurzeck Vorabend
Peter Kurzeck: „Vorabend“
Stroemfeld Verlag
39,80 €

Peter Kurzeck ist ein außergewöhnlicher Autor, der außergewöhnliche Bücher schreibt. Und so gehört es sicher zu den eindrucksvollen Erlebnissen, Peter Kurzeck daraus vorlesen zu hören. Vor einiger Zeit war dies im Kölner Literaturhaus der Fall. Und deshalb ein guter Grund, dem Autor und seinem neuen Roman "Vorabend" aus diesem "besonderen Anlass" Reverenz zu erweisen.

"Die Zeit erzählen", die abgelebte und wiedergefundene Zeit, das ist der Beweggrund für diesen Autor, der gern auch als "deutscher Proust" bezeichnet wird. Einige Bände seines Monumentalswerks, der autobiografischen Chronik des "alten Jahrhunderts", auf zwölf Bücher angelegt, sind bereits erschienen. Peter Kurzeck hat seine Leser "Übers Eis" und "als Gast" mitgenommen auf die Zeitreise, mit "Ein Kirschkern im März" begeistert und mit "Oktober und wer wir selbst sind" erstaunliche Fragen gestellt und Antworten gefunden.

"Vorabend" also heißt das neue Buch, mit dem sich Peter Kurzeck einem literaturbegeisterten Publikum vorgestellt hat. Er, der sich mit dem Fluch eines grandiosen Erinnerungsvermögens geschlagen sieht, hat sich schon das Kind vorgenommen: "Ich darf nichts vergessen und bin zuständig für die Einzelheiten der Welt. Denn was vergessen ist, ist verloren."

Und so ist das Schreiben für Peter Kurzeck, seit kurzem Ehrenbürger von Staufenberg, einem der wichtigsten Topoi seiner Erzählungen, ein Akt der Bewahrung. Er bewahrt alles. Tiere und Menschen, Landschaften und Dörfer, Städteund Ereignisse - überhaupt alles; Schönheit und Bitterkeit auch und Gefühle und Freude, Komik und Schreckliches. Es ist eine sehr schöne Art der Besessenheit, die Peter Kurzeck umtreibt, von allem und jedem zu berichten.

All dies ist auch im Roman „Vorabend" bewahrt - und nachzuzulesen. Und das mit größtem Vergnügen. Denn die Prosa des Peter Kurzeck ist einzigartig, entzieht sich jeder Klassifizierung. Es ist ein mäandernder Fluß, ein, wenn man so will, unendlicher Monolog, ein Erinnerungsstrom. Sein Schreiben ist ein Erzählen, sein Erzählen ein Schreiben. Und das im wörtlichen Sinne. Erfahren kann der Leser dies, wenn er zum Hörer wird. Die von Peter Kurzeck gelesenen Texte - es gibt sie erfreulicherweise auf vielen CDs - sind von der gleichen Faszination wie die Bücher.

© Günter Nawe

Peter Kurzeck: „Vorabend“
Stroemfeld Verlag, 39,80 €