Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“

„Vom göttlichen Willen geführt“.
Vor 100 Jahren starb Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Tolstoi Krieg Frieden
Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“
Hanser Verlag
2 Bände, 58,- €

Astapowo, eine einsame Bahnstation im russischen Süden. Auf der Reise dahin - weg von seiner Frau Sofja und seinen Kindern - hatte sich der Autor von „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina" eine Lungenentzündung zugezogen. Es war die wohl spektakulärste Flucht der Weltliteratur. Im Bahnwärterhäuschen ist einer der größten russischen Dichter und einer der größten Dichter der Welt Lew Tolstoi am 20. November 1910 im Alter von 82 Jahren gestorben.

In seinem Testament von 1895 ist - zitiert nach Ulrich Schmid - zu lesen: „Ich möchte, dass alle Nahen und Fernen mich nicht loben (ich weiß, dass sie es tun werden, denn sie haben es schon zu Lebzeiten auf höchst unangenehme Weise getan), und wenn sie sich schon mit meinen Schriften beschäftigen wollen, dann sollen sie zu jenen Stellen vordringen, in denen - ich weiß es - die göttliche Kraft durch mich gesprochen hat, und sie für ihr Leben verwenden. Es gab bei mir Zeiten, in denen ich fühlte, dass ich vom göttlichen Willen geführt werde...".

Nach Bescheidenheit und Demut klingt das nicht. Aber hier spricht nicht der Dichter, sondern der religöse und soziale Denker; der Mann, der sich selbst verleugnete, um sich selbst zu erhöhen. Diese Seite des Dichters und revolutionären Denkers bedarf eigener, ausführlicher Würdigung.

Die Nachwelt gedenkt vor allem des Autors so unvergleichlicher Werke wie „Krieg und Frieden", wie „Anna Karenina", wie „Auferstehung" und vieler anderer. Die in Vorbereitung befindliche russische Ausgabe seiner Werke wird auf hundert Bände geschätzt. Ein Mammutwerk, unterschiedlich auch in seiner Qualität, aber durchweg von Bedeutung. Geschaffen in 82 Jahren eines Lebens, das von Höhen und Tiefen geprägt war, von Erfolgen und Misserfolgen, von höchster Anerkennung und tiefster Verachtung.

1828 ist Tolstoi als Sproß eines Adelsgeschlechts in Jasnaja Poljana geboren worden. Er studierte orientalische Sprachen und Jura, bevor er 1847 versuchte, die Lage der Leibeigenen in seiner Heimatstadt zu verbessern. Er wurde Soldat in der zaristischen Armee, kämpfte im Krimkrieg und verarbeitete seine Erfahrungen in ersten literarischen Arbeiten. 1862 heiratete Lew Tolstoi die Arzttochter Sofja Anderjewna Behrs. Über 50 Jahre waren sie ein Ehepaar. Es war eine außergewöhnliche, eine schwierige Liebe, die in dem jetzt erstmalig publizierten Briefwechsel dokumentiert ist (s. Unser Buchtipp des Monats).

Tolstoi schrieb „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina". Damit war sein Weltruhm begründet. „Es gibt etwas, was ich mehr als das Gute liebe: Ruhm". Hier war er. Damit begann aber auch - trotz weiterer großer literarischer Werke - die Wende des Dichters zum radikalen Christen, zum Sozialrevolutionär. Dem Ruhm folgte die Ächtung. Er wurde verfolgt, wurde aus der Kirche verbannt. Eine einheitliche Linie hatte der Erfinder des Tolstojanismus, der die Nächstenliebe in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte, aber nicht. So bleibt diese Seite des Dichters Lew Tolstoi indifferent.

1865 schrieb Tolstoi: „Der Schriftsteller nimmt das Beste aus seinem Leben und legt es in sein Werk. Deshalb ist sein Werk einzigartig schön und sein Leben schlecht".

Viel stärker im Fokus steht die Persönlichkeit des Autors, wie sie sich vor allem in seinem familiären Umfeld darstellte. Seine Frau, mit der er so lange verheiratet war und ohne die seine großen Werke wohl nicht in dieser Form zu lesen sein würden, wurde gleichsam enterbt. Längst war diese Ehe zerrüttet, der Familienverbund aufgelöst, das Erbe nahezu verschleudert. Seine letzte spektakuläre Reise und sein Tod im Bahnwärter-häuschen von Astapowo waren der Schlusspunkt eines aufregenden und bedeutenden Lebens.

Die Persönlichkeit Tolstois ist aus dem literarischen Gedächtnis der Welt nicht wegzudenken. Und sein Werk ebenfalls nicht. Ulrich Schmid hat mit seiner aüßerst empfehlenswerten Monografie dieses Leben und sein Werk nachgezeichnet.

Immer wieder aber sind es vor allem die großen Werke, die die Aufmerksamkeit von Lesern, von Literaturwissenschaftlern und Übersetzern auf sich ziehen. So ist zum Beispiel die überzeugende Neuübersetzung der „Anna Karenina" durch Rosemarie Tietze zu nennen. Jetzt liegt - rechtzeitig zum Gedenktag und ebenfalls in hohem Maße überzeugend - eine Neuübersetzung von „Krieg und Frieden" durch Barbara Conrad vor. Seit fünfzig Jahren die erste - und zwingend notwendig.

Diese Übersetzung folgt einzig dem Original. So ist der Text nicht mehr wie in früheren Übersetzungen geglättet, dem Leser mundgerecht gemacht. Er kommt machmal sogar etwas spröde und kantig daher. Auch mutet Barbara Conrad dem Leser zu, die Passagen, die Tolstoi auf Französisch geschrieben hat, im Original zu lesen, sodass eine hohe Authentizität gegeben ist. Ganz im Sinne von Tolstoi, der „das gesuchte Französisch, in dem unsere Vorfahren nicht nur redeten, sondern dachten" als Kolorit der Epoche erhalten wissen wollte. Lediglich, dann aber leserfreundlich, wird in der Fußnote jeweils eine Übersetzung geboten.

So erscheint dieses großartige Epos in neuem Glanz. Durch die Übersetzung von Barbara Conrad erfährt der Leser stärker und mehr als bisher von Lebens- und Liebesgeschichten, von Krieg und Frieden und den jeweiligen Folgen, von einer Welt, in der Welgeschichte geschrieben worden ist. Hilfreich dabei auch das ausführliche und kenntnisreiche Nachwort der Übersetzerin, die die historischen Hintergründe des Werks und seine Entstehungsgeschichte dokumentiert. Monumental das Werk des russischen Dichters, hervorragend die Vermittlung in unsere Zeit durch die Übersetzung von Barbara Conrad.

© Günter Nawe

Lew Tolstoi: „Krieg und Frieden“. Neu übersetzt von Barbara Conrad.
Hanser Verlag, 2 Bände, 58,- €